Flaute im Centre

Heute habe ich endlich eine plausible Antwort auf die Frage, warum hat es hier keine Patientin, bekommen. Es sei, weil jetzt Trockenzeit ist, da bekommen die Leute höchstens Schnupfen, Husten, gripale Infekte und halt die altbekannten Coronaviren. Mit diesen Leiden gehe man hier nicht zur Ärztin oder ins Centre, da schlucke man ein Dafalgan. Malaria und Typhus sind Krankheiten der Regenzeit, jetzt nur sehr selten.

Ajara war heute am arbeiten und es war sie, die mir diese Antwort gegeben hat. Für mich heisst das, dass diese Saisonabhängigkeit nur mit einer guten Geburtshilfe aufgefangen werden kann. Gebären hat nämlich das ganze Jahr Saison, es ist bei uns nicht wie bei den Schafen, wie Chrigu bemerkte, wir können uns das Gebären das ganze Jahr über leisten. Und hier kommt meine Idee ins Spiel.

Ich musste kurz zurück schauen ob ich nicht schon darüber geschrieben habe, weil, bei aller Renundanz, Wiederholungen sind langweilig. Ich habe noch nicht darüber geschrieben, dafür darüber gesprochen, mit den Frauen im Centre, denen die ich bisher angetroffen habe und mit Omar.

Also. Die Idee ist, Gruppenkontrollen in der Schwangerschaft und eventuell auch im Wochenbett anzubieten. Das tönt jetzt noch nicht besonders knackig ich weiss. Aber es wird besser. Die Frauen kommen nicht einzeln zur Kontrolle, sondern in der Gruppe, alle etwa gleich weit in ihrer Schwangerschaft. In einem ersten Teil finden die Kontrollen statt. Was die Frauen selber machen können, wie zum Beispiel sich wägen, machen sie selber und tragen es in ihren Unterlagen ein, falls nötig mit Unterstützung. Jede Frau geht auch zur Hebamme und wird individuell unter Wahrung ihrer Intimsphäre untersucht. Im zweiten Teil treffen sich die Frauen in der Runde, hier können sie alle allgemeinen Fragen an die Hebamme stellen, so dass alle Frauen profitieren. Danach wird ein Thema, das für die Frauen wichtig ist, diskutiert. Das heisst, die Hebamme steuert als Expertin die Theorie bei und die Frauen diskutieren dann untereinander, was das für sie jetzt heisst und wie sie das allenfalls umsetzen können.

Die Idee stammt natürlich nicht von mir. Es handelt sich hier um das Centering Pregnancy Model von Sharon Schindler Rising und Charlotte Houde Quimby.

Die Frauen übernehmen, so die Evaluationen, mehr Verantwortung für sich, aber auch für die anderen Frauen in der Gruppe. Sie sind besser informiert, da in der Gruppe mehr Fragen zusammenkommen und die Hebamme muss weniger oft auf die gleichen Fragen antworten, das heisst, es wird Zeit gewonnen, die den Frauen zu Gute kommt.

Wie kommen wir zu diesen Gruppen, wenn die Frauen oft aus finanziellen Gründen auf die Schwangerenvorsorge verzichten? Wir laden sie ein, das Angebot kostet sie nichts. Nur spezielle Untersuchungen, wie Ultraschall oder Blutuntersuchungen und die Geburt müssen sie bezahlen. Damit aber für die Frauen kein Knebelvertrag entsteht, steht es ihnen offen sowohl für diese Untersuchungen, wie auch für die Geburt in ein anderes Centre zu gehen.

Bisher ist die Idee sehr gut angekommen. Ich hoffe, dass ich sie einfädeln kann. Ich habe bisher mit Rafiatou, Ramatou und Ajara darüber gesprochen und sie waren mit mir einig, dass Sensibilisation, wie sie hier gemacht wird, das heisst hingehen und sagen wie die Leute es machen sollen, nichts bringt. So besteht die Hoffnung, dass in der Diskussion, im Miteinander mehr herauskommt.

Es ist extrem trocken hier. Ich trinke und trinke und kaum habe ich getrunken habe ich wieder einen trockenen Mund, Tag und Nacht. Und ich habe Heuschnupfen! Zuerst dachte ich es ist vielleicht Covid, dann schwenkte ich in Richtung Malaria, bis ich mich entschied ein Heuschnupfentablettli (ich habe sie tatsächlich eingepackt) zu schlucken.

Und noch zur neusten Jagd in der Wohnung. Nein, nein, nein es sind keine Mäuse – bisher. Es sind Kakerlaken. Auch gruslig. Ich habe überall Gläser deponiert und wenn ich eine sehe, schwupp stülpe ich das Glas über sie. Omar entsorgt sie dann. Er bringt sie weit weg von der Wohnung. Ich gebe es zu, es ist keine Invasion, es waren bisher erst drei, aber eine war gefühlt handtellergross (von Chrigus Händen) und irgendwie war mir, dass ich einmal gelesen habe, dass man sie nicht tottreten darf, da sonst die Eier rauskommen und man dann tatsächlich eine Invasion hat. Vielleicht ist das ein Märchen, aber besser vorsichtig bleiben…

Peinlich, peinlich…

Ich habe euch schon unter Tränen erzählt, dass das Gebären nun im Klo stattfindet. Zusammen mit den Frauen und Omar versuchen wir das Beste daraus zu machen und schieben und rücken. Ich wollte den Lindenhofgebärschragen verrücken, wollte das Beinteil unter das Körper- und Kopfteil schieben, der kann nämlich wie ein Bett sein, wie ein Stuhl oder zu einer Gynäkologinnenliege umfunktioniert werden (da liegen übrigens keine Gynäkologinnen drauf, ausser sie sind selbst Opfer einer solchen). Aber nichts ging, es war verhockt und es klemmte. Omar holte also Öl, Hammer, Feile und Zange und wir arbeiteten und arbeiteten. Dort wo geölt werden musste funktionierte das Bett bald wieder, aber sonst, dauermd klemmte und verhakte es sich. Es war ein Elend. Omar arbeitete mit Hammer und Feile, aber irgendwie klappte es nicht. Es funktionierte ein Stück und verhakte wieder. Bis Omar, auf einmal bemerkte, wir sind im Bad, der Boden ist schräg, damit das Wasser abläuft und siehe da, zwei Holzstücke unter die Räder und das Ding stand gerade und der Mechanismus funktionierte tadellos. Peinlich, peinlich…

Schade, dass es die Bigla nicht mehr gibt, sie sind nämlich verantwortlich für den Schragen, sie hätten die Möglichkeit gehabt, innovative Gebärbetten für schräge Böden zu bauen.

Das mit der Hygiene ist so eine Sache. Auf den ersten Blick sieht das Centre sauber und gepflegt aus, aber schaut bitte nicht in die Ecken, schaut nichts von unten an, schaut einfach kurz darüber, freut euch und schaut nicht zu genau. Ein Problem liegt in der Grösse, beziehungsweise der Kleine. Das Centre ist vollgestopft, schwere schöne Holzbetten, schwere schöne Nachttische, Infusionsständer, Trennwändchen, Rollstuhl, Schränke, Kommoden… ich höre jetzt auf. Eigentlich bräuchte man vor jeder Reinigung ein Umzugsunternehmen. Wir müssen Lösungen finden um trotz klein anständig putzen zu können.

Heute hat Ramatou gearbeitet, zuerst mit der Praktikantin mit den Zwillingen, die hat vor allem gestillt, dann alleine. Ramatou ist sehr wärchig, sie ist auch die, die putzt und das auch ernst nimmt. Wahrscheinlich die Einzige. Ich bin ja, wie viele wissen, alles Andere als eine putzige, aber auch ich fühle mich in einem sauberen Spital, einer sauberen Praxis wohler.

So, fertig Hygiene. Ich werde langsam zur kamerunischen Strassenroudie. Traue mich ohne zu zögern auf die Strasse zu fahren. Und übrigens heute ist Weihnachten. Eigentlich hätte ich gerne einen Weihnachtsschnulzen geschaut, aber die Verbindung ist Scheisse, dann halt lesen.

Morgen werde ich endlich Fotos machen. Irgendwie kam ich noch nicht dazu. Und übrigens, von Covid merkt man herzlich wenig, ausser ein paar englische Anschläge im Centre, die eh niemand versteht.

Es heiligt so Abend

Ein Mützig, erinnert ihr euch? Drogenabgabestelle, die Frau die hinter Gitter Bier verkauft. Also, ein Mützig, die erste Avocado und das Ipad, so beginne ich den heiligen Abend.

Heute am Morgen wurde ich von unerträglicher Chrismas-Musik empfangen, abgespielt unter meinem Balkon und das nach einer Disco Nacht bis es hell wurde. Ok, die Chrismas Dings, Musik ist irgenwie das falsche Wort, haben erst etwa um acht Uhr raufgetönt. Ich hatte knapp zwei Stunden Ruhe, immerhin. Das war eine richtige Scheissnacht. Sämi (der von Anna) hat mir Ohrstöpsel mitgegeben, die schliessen wirklich super, man hört nichts mehr von aussen, nur noch von innen, das war aber nicht das Problem, das Hören von innen, die Stöpsel an den Stöpseln,die waren das Problem. Diese Stöpsel schauen aus den Ohren, was eigentlich sinnvoll scheint, ausser wenn man auf der Seite schlafen möchte…

Im Centre war es recht speziell. Da war Rafiatou, die Verantwortliche des Tages, da war Fatimatou, die Laborantin des Tages und da waren fünf junge Praktikantinnen, da war aber keine Patientin und auch kein Patient. Gut, eine der Praktikantinnen hat Zwillinge, die hätte sowieso kaum Zeit zum arbeiten gehabt, da sie die Beiden abwechslungsweise stillen musste, eine weitere musste ebenso oft stillen und Fatimatou hat auch endlich wieder ein Kind. Übersetzt, neben sieben Frauen waren auch noch vier Kinder anwesend. Und immer noch keine Patientin. Speziell. Omar forderte die Praktikantinnen auf den Esstisch zu putzen und schwups haben sie zu dritt den Landiklapptisch geschruppt. Ich habe mich im Gebärklo umgeschaut und überlegt, wie wir die Situation verbessern können, da viel mir auf, dass alles ziemlich schmudelig ist und dringend eine Reinigung verträgt und schwups waren sie zu fünft drinn um zu putzen. Der Raum ist zwei mal zwei Meter gross, darin steht eine Kloschüssel, ein Lavabo, eine grosse Wickelkommode, der Lindenhofgebärschragen, eine fahrbare Lampe, eine Wärmelampe und zwei grosse Eimer, vielleicht kann mir jemand erklären, wie da noch fünf Frauen hinein passen und es erst noch sauber werden soll. Na, ja, da wartet noch etwas auf mich.

Hier hätte ich gerne ein Foto von mir und Raffiatou gepostet, aber es geht leider nicht, weil hässlich…

Omar fand, dass die Frauen untereinander sehr schlecht organisiert sind. Ich habe ihm dann erklärt, dass Zuständigkeiten definiert sein müssen und dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, ein Team zu organisieren, von einer Basisdemokratie, bis hin zu einer klaren Hyrarchie. Dass der Entscheid wie das Centre organisiert sein soll, hier bei ihnen liege und den Gegebenheiten angepasst werden müsse. Omar entschied sich klar für ein hyrarchisches Modell. Gemeinsam haben wir das Modell aufgezeichnet. Nun muss Omar produzieren, Stellenbeschriebe, angefangen bei sich selber, weiter über die Chèfe du Centre, ihre Stellvertreterin, die Laborantin, die Pflegehelferinnen, die Praktikantinnen… Ressorts definieren, Dienstwege, Mitarbeiterinnengespräche, etc. Ich werde ihn natürlich unterstützen, aber das System kann nur funktionieren wenn er, in Zusammenarbeit mit den Frauen, das Konzept erarbeitet.

Aber zurück zum patientinnenfreien Centre. Omar ist überzeugt, dass es mit der finanziellen Flaute zusammenhängt, dass die Leute lieber Dafalgan einwerfen als ins Centre zu gehen. Das kann sehr gut ein Grund sein, aber ich glaube nicht, dass es der Einzige ist. Da stehen, sitzen, liegen zu viele Frauen aus dem Dorf herum, ich bin nicht so sicher, ob die Leute im Dorf ihre Krankheiten im ganzen Dorf veröffentlichen möchten, Themen wie Schweigepflicht werden bei dieser Flut an äusserst jungen Praktikantinnen wichtig. Ich habe Omar gefragt ob, wenn er einen Abszess an seinem Penis hätte, er nicht vielleicht lieber in ein Centre ginge wo ihn niemand kennt. Er gab mir den Punkt. Das Centre muss in diesem Bereich zuverlässig wirken, sonst gehen die Leute anderswo hin oder behandeln sich selber. Hinzu kommt, dass diese Flut an Praktikantinnen auch nicht seriös ausgebildet werden kann und so hängen sie in ihrer Arbeitsmontur im Centre herum und schlafen mitten im Nachmittag.

Und noch etwas zu Baschi, er wird es lesen, er wird benachrichtigt sobald etwas über ihn geschrieben wird. Er kam heute am Morgen zu mir und sagte, dass ich gestern geschrieben hätte, dass er seine Geschenke abgeholt habe. Er wusste noch anderes über meinen Blog (das mit den Mäusen) und das, obwohl er kein Deutsch versteht. Kuul!

Der Hauptgang war eine Pfanne aus Kartoffeln, Kochbananen, Paprikaschoten, Zwiebeln, Erdnüssen, Ananas und Tomaten. Es ist ein bisschen dunkel geraten, aber war sehr lecker. Draussen hat die erste Disco aufgedreht, aber ich habe inzwischen mein Fenster mit Schaumstoff abgedichtet, das hat schon beim ersten Besuch in Koutaba geholfen. In dem Sinne wünsche ich euch einen heiligen, heiligen Abend, oder so.

Der erste Tag

Ich muss mich definitiv wieder an das komplizierte Leben gewöhnen. Und dabei habe ich hier vieles, was andere nicht haben. Ich habe oft Strom, bin ausgerüstet mit Notfallstromquellen und Notfalllichtquellen, ich habe oft fliessendes Wasser und bin ausgerüstet mit Notfallwasserkesseln und zwei Notfallwassertonnen. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen? All diese Notfallutensilien müssen gefüllt werden, mit Strom oder mit Wasser und das möglichst schnell wenn das Eine oder der Andere verfügbar ist. Und genau jetzt wo ich darüber schreibe, hat sich der Strom abgemeldet. Aber wie schon gesagt, ich bin ausgerüstet, bewege mich mit Licht in meiner Nähe. Es wird nämlich stockdunkel, etwa wie in der blinden Kuh.

 

 

Aber zurück zum komplizierten Leben, das mit dem Hände waschen zum Beispiel, es ist so einfach die Hände unter fliessendem Wasser zu waschen. Einfach den Hahn aufdrehen, die Hände befeuchten, einseifen, zweimal Happy Birthday singen und abspülen. Mit einer Flasche oder einem Krug wird es schon schwieriger, zuerst die eine Hand anfeuchten, dann die andere Hand, dann einseifen Happy Dings singen, zweimal, und dann, das Problem, beide Hände sind eingeseift. Soll ich jetzt den Krug mit der eingeseiften Hand nehmen und die Andere abwaschen um dann mit der abgewaschten Hand wieder die Seife auf dem Krug… schwierig. Und schon bin ich in der Situation, dass ich meine Hände weniger oft, weniger gründlich wasche. Ich glaube Berset wäre enttäuscht von mir.

Ich habe Omar einen neuen Laptop mitgebracht. Heute habe ich ihn übergeben, das war richtig schön, Omar hat gestrahlt als ob sein Geburtstag und das Ende des Ramadans gleich heute sind.

Dann haben wir noch vieles besprochen und ich bin Auto gefahren. Ich war ziemlich nervös, es hat wirklich sehr viel Verkehr, viele Töffs und Fussgänger. Das Problem ist nicht, wenn du schon auf der Strasse bist, da kannst du auch einfach gemütlich, langsam fahren. Das Problem ist es, auf die Strasse zu kommen, da muss man sich zuerst eine Stufe hinauf quälen um sich dann einreihen zu können und das muss dann plötzlich sehr schnell gehen, sonst hast du die kleine Lücke verpasst und alles fängt wieder von vorne an. Aber ich habe es geschafft, bin die Stufe hochgebraust und war auf der Strasse, keine Gefährdung von Leben, alles sicher.

Im Centre haben wir eine riesen Crew angetroffen, aber keine Patientin, keinen Patienten. Die Leute haben im Moment anscheinend kein Geld für medizinische Behandlungen, in anderen Centres sei auch Flaute. Es sei Hochsaison der Automedikation, sagen sie. Ich bin da ehrlich gesagt etwas skeptisch, bei einem Einzugsgebiet von gut tausend Menschen kann ich mir das fast nicht vorstellen. Ich werde dem nachgehen.

Zurück am Küchentisch in Koutaba

Start in Kairo.


Da sitze ich wieder. Es hat sich nicht viel verändert, obwohl, der Tisch steht jetzt längs, nicht mehr quer und ein neuer Kochherd steht hinter mir… aber sonst, alles wie gehabt. Wie gehabt war auch der Stromausfall gestern Abend, das Wasser, das nicht fliesst, der Koutaba-Sound, eine Mischung aus Motoren, Hupen, Stimmen und Konserve.

Gestern war ich kurz im Centre. Ich weiss, euch interessiert ob es noch da ist, ob es total heruntergekommen ist. Es ist noch da, es sieht recht ordentlich aus, es hat einen neuen kleinen Anbau mit einem Männerzimmer und einer sogenannten kleinen Chirurgie, es hat einen weiteren kleinen Anbau mit einer Umkleide für das Personal und drei Avocados, die richtig schön gross geworden sind. Der Brunnen ist gut besucht und die Kinder spielen an der Schaukel. Es war schön anzukommen und alles zu sehen.

Und doch hat mein Herz geblutet. Das Gebärzimmer wurde auf Weisung der Behörden ins Bad verbannt. Es muss gekachelt sein, Gebären ist nur möglich in einem abspritzbaren Raum, es darf nicht gemütlich sein, es ist eher verwandt mit einer Metzgerei… Mein Herz blutet, der Lindenhofgebärschragen steht neben der Kloschüssel, die Wickelkommode steht neben der Kloschüssel. Was ein wenig Hoffnung macht, die Frauen haben ein paar kleine Dekos angebracht, ein verzweifelter Versuch, dem Raum den Schrecken zu nehmen. Wobei, die Frauen hier kennen nichts anderes, sie erwarten genau einen solchen Raum – vielleicht kann man trotzdem etwas ändern…

Viel mehr weiss ich noch nicht. Ich werde aber weiter berichten. Ah, und Baschi ist schon vorbei gekommen um ein Geschenk abzuholen.

Wieder daheim!

Bis kurz vor Abflug wurde ich noch einmal intensiv in Korruption unterrichtet, als ob Kamerun möchte, dass ich nie vergesse, dass das Überleben von Motivationen und Umschlägen abhängt, ja, das heisst Motivation, ich motiviere den Polizisten, den Zollbeamten mit einer kleinen, oder bei Bedarf auch grösseren Gabe, mir keine Scherereien zu machen, eigentlich ein äusserst simples und leider auch effektives System. Unterwegs behielt ein Polizist einfach unsere Papiere und der Versuch, mit einer rechtmässigen Busse, ich war hinten am Schlafen und deshalb nicht angegurtet (das Gurtenobligatorium gilt nur in Pw’s mit weniger als acht Personen), mein Vergehen zu begleichen, artete in einem Vortrag über mein rassistisches Verhalten, meine arrogante kolonialistische Einstellung aus, die Motivation darüber hinweg zu sehen und uns unsere Papiere wieder zu geben, fiel dann auch etwas höher aus, als die vorherigen Motivationen, wegen fehlenden rot-weissen Reflektoren, fehlendem Paracetamol in der Reiseapotheke, fehlendem Abschleppseil aus Metall.

Den letzten Versuch, motiviert zu werden, konnte ich aber erfolgreich abwehren, das tat verdammt gut. Am Flughafen, ich war schon bereit für den Einstieg, musste ich wieder zurück zum Zoll, da einer meiner Koffer dort stecken geblieben ist. – Haben sie Metall im Koffer? – ja, eine Metallskulptur – haben sie Frachtpapiere dafür? – nein – sie können die Skulptur mitnehmen, wenn sie uns eine Motivation hierlassen – die Skulptur gefällt mir nicht, ich transportiere sie für meinen Exmann, sie können sie gerne rausnehmen – wir können die Skulptur hier nicht brauchen – das ist mir egal, ich bezahle sicher nichts dafür, wenn sie nicht wollen, dass sie mitkommt, dann nehmen sie sie raus! – und es hat geklappt, keine Motivation und das Stück Metall blieb im Koffer und die Frau beim Boarding, die mich vorher zum Zoll geschickt hatte, freute sich unbändig, dass ich nicht bezahlt habe und ihr Kollege fand, ich hätte bezahlen müssen.

Die Fahrt nach Douala war lang und schön, auch etwas traurig, der Flug war auch lang, aber ich nahm eine Schlaftablette und habe geschlafen und in Brüssel wechselte ich das Flugzeug halb schlafend, ich hatte das Gefühl, ich sei auf einem Schiff und der ganze Boden hat geschwankt, aber irgendwie landete ich im richtigen Flieger und kam nach Zürich. Dort waren Chrigu und Anna und das war gut.

Ich bin noch ein wenig fraschil, die ganze Spannung, die ganze Verantwortung, Souveränität fällt langsam von mir ab und zwischendurch fliessen die Tränen. Aber es ist gut wieder hier zu sein, Chrigu in den Arm zu nehmen, Frida zu streicheln, ausgiebig zu Duschen, die Ruhe in der Felsenau zu geniessen. In der ersten Nacht bin ich immer wieder aufgewacht und habe geschaut ob der Chrigu wirklich hier ist, ob er atmet und alles in Ordnung ist und dann das Gleiche noch mit Frida. Regina hatte sich einmal gefragt, was diese Zeit wohl mit mir anstellen wird, ich weiss noch nicht was, aber ich spüre, dass sich etwas verändert hat, dass ich mich verändert habe.

Dävu und Wali machen ein Buch aus meinem Blog, eine Idee, die ich selber auch hatte, die Chrigu, da er Kenntnis vom Plan der Beiden hatte, zu verhindern versuchte. Ich habe schon einen ersten Vordruck in den Fingern und es fägt!

Abschied

Es war schön, es war traurig und es war ein überwältigender Stress, meine Abschiedsparty, die Frauen haben mir traditionelle Schuhe gekauft, Gemüse mitgebracht, mich umarmt und geherzt, fast hätte ich weinen müssen, ich freue mich auf die Rückkehr ins vertraute Leben und dennoch bin ich traurig über den Abschied. Um mich zu verabschieden habe ich etwa dreissig Leute zu einem Essen im Centre eingeladen, von diesen dreissig Leuten kannte ich nicht alle, da waren auch die Männer und die Frauen, die Kinder von denen die ich kenne, aber irgendwie kamen immer mehr Leute, die ich nicht kannte und nirgends zuordnen konnte, es hörte nicht auf, und noch mehr und noch mehr und solche, die ich kannte, aber nicht eingeladen hatte und dann doch noch die Notablen und alle Frauen vom Chef und alle Kinder und noch mehr Frauen und immer mehr Männer und Kinder wie Sand am Meer, ich hatte dreissig eingeladen, es kamen etwa hundertzwanzig Leute und zum Abschluss kam auch noch der Fussballclub Ngoundoup, der ein Tournier gewonnen hatte und seinen Pokal dem Chef zeigen wollte, mit einem Mbambeluh Schlachtlied.

Wie schon gesagt, ich hatte dreissig eingeladen, Essen hatten wir etwa für fünfzig, der Besucherinnenstrom, der irgendwie nicht versiegen wollte, brachte mich doch ein wenig in Stress, das Essen wird nie reichen, was werden die Leute nur denken, vor allem die, die ich eingeladen habe wenn die, die ich nicht eingeladen habe schon alles aufgegessen haben? Aber das war für alle kein Problem, niemand war beleidigt, alle zufrieden und auch das letzte Restchen gegessen. Es sei eine Ehre, dass so viele Menschen gekommen sind, hiess es, ich persönlich hätte nichts gegen den kleineren Rahmen gehabt, aber fürs Mbambeluh war es sicher gut.

Nun bin ich zurück in der Wohnung, wieder alleine, die Koffer sind gepackt, das mit dem Putzen will nicht klappen, seit drei Tagen bekomme ich kaum Wasser, und das Problem mit der Maus hat sich an meinem letzten Abend gelöst. Das elende Vieh kam nicht durch irgendwelche Ritzen in Tür oder Fenster rein, nein, es kannte einen Weg, den wir nicht in Betracht gezogen hatten. Omar gehörte zu den geladenen Gästen, die essenstechnisch leer ausgingen, da er sowieso schon dünn ist, habe ich ihm von meinem Reis mit Gemüse und Erdnüsschen angeboten. Nach dem Essen trug er seinen Teller in die Küche, und wer sass dort? die Maus! Er schloss die Türe und begann mit der Jagd und ich setzte mich auf den Esstisch im Wohnzimmer, es rumpste und pumpste und ich wartete und hoffte, und endlich kam Omar, nach erfolgreicher Jagd und mit dem längst fälligen Wissen über den Weg der Maus. Das Loch, das für das Abwasserrohr im Boden ist, ist grösser als das Abwasserrohr, gross genug für das kleine, hinterlistige Vieh, das sich wahrscheinlich über unsere diversen Barikaden ins Fäustchen gelacht hatte, oder, noch fieser, die Barikaden gar nie bemerkt hatte. Damit schliesst sich der Kreis irgendwie, Omar hat das Loch verstopft, möglicherweise ist die Wohnung jetzt endlich mausfrei und ich reise ab.

Mbambeluhteam

Für die, die traurig sind, dass ihr abendliches Leseritual ein Ende findet, ich hatte grossen Spass am Schreiben und ich werde den Blog sicher weiterführen, ich kann noch nicht sagen wie oft ich schreiben werde, da ich zu Hause wieder ein intaktes soziales Abendleben führen werde, aber ich will weiter schreiben, es tut mir gut und es ist sehr schön, dass so viele gerne lesen, was ich erzähle. Wer weiss, vielleicht ist auch Bern spannend und sicher sind es meine Besuche in den vielen Wochenbetten, die mich meist auch kreuz und quer durch die ganze Welt führen. Am Samstag bin ich Inshallah wieder in der Schweiz, um dann endlich Ferien zu machen, im Elsass mit SpeedPed und Turtle (das heisst, Ebike und Zeltanhänger), dann noch Berlin mit Michèle (Schulabschluss Gottengeschenk), ja, Olaf wir kommen! Und ab Juli könnte es ein Hebammenblog werden, oder auch etwas anderes.

Mbambeluh 3!

Aus Mbambeluh 100 oder wenigstens 30 ist nichts geworden, aber Mbambeluh 3 ist ein grosser Junge, der sofort und unaufhörlich saugt, zum Ärger seiner Mutter, sie möchte schlafen. Ich eigentlich auch, hier ist es jetzt 06:20, also wieder eine durchgemachte Nacht, aber gestern am Abend habe ich mir ein Bier geöffnet und nach der halben Flasche kam das Telefon, Gebärende im Anmarsch, siebtes Kind, da habe ich dem halben Bier den Deckel wieder übergestülpt und es zum Warten in den Kühlschrank gestellt, und es hat gewartet, ich bin sowieso noch etwas Adrenalin geschwängert, also trinke ich jetzt die zweite Hälfte und erzähle euch von der Geburt. Das siebte Kind hat gedauert, es nahm sich Zeit, wollte nicht ruck zuck geboren werden. Die Frau war in Begleitung ihrer Schwägerin, die ihre Zeit im Centre sofort nutzte, sich auf ein Bett legte und schlief, auf einmal lag auch noch der Gardien in einem Bett im Patientinnenzimmer und schlief auch, ich fand das nicht besonders toll und so waren wir zusammen mit der Frau in eben diesem Zimmer, umgeben von den Schlafenden, den Gardien haben wir dann mit Paravants abgetrennt, die Schwägerin durfte offen schlafen.

Der Gardien hinter Paravant und unter Leintuch.

Ein kurzer, erneuter Exkurs zu unserem Gardient, wie schon beim letzten Mal, schlief er tief und fest, unser Bewacher, um Mitternacht läutete sein Handy, und läutete und läutete und… kein Wank! Ich hatte mir wirklich vorgestellt, dass ein Nachtwächter in der Nacht wach ist, oder zumindest vor den anderen aufwacht, aber vielleicht ist das kulturbedingt verschieden. Ich habe dann halt sein Telefon versteckt, aber Ramatou zeigte Bedauern mit ihm und weckte ihn. Das Telefon um 24:00 war sein Wecker, er musste aufstehen zum Beten, also ist er zum Gebet losgezogen und ward nicht mehr gesehen. Soviel zum Nachtwächter, unsere Gebärende profitierte jedoch von seinem Weggang, sie hatte nämlich überhaupt keine Lust im Gebärzimmer zu gebären, sie wollte das weiche Bett in der Nähe haben und so kam es, dass die dritte Geburt im Mbambeluh im Patientinnenzimmer stattfand. Es ging schleppend voran und die Frau fand das nicht so toll und die Schwägerin, die während den Presswehen aufwachte, fand es gar nicht gut, wenn die Gebärende nicht in den Gebärsaal geht und ich fand, dass die Gebärende entscheiden soll wo sie gebären möchte und Ramatou und Bijou hatten zum Glück keine Meinung.

Mbambeluh 3!

Die Geburt war eindrucksvoll, so eindrucksvoll, wie Geburten sind, wenn man die Frauen machen lässt und sie zu ihren Höchstleistungen auflaufen. Der Kleine hatte die Nabelschnur um den Hals und war im ersten Moment etwas schlaff, ich legte ihn der Mutter auf die Brust, frotierte ihn und schon war er präsent und wollte an der Brust saugen, die Mutter fand die Idee mit dem nackten Kind auf sich eher blöd, sie wollte, dass er schnell eingekleidet wird und dass sie schlafen kann, nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte, aber beim siebten Kind, da hat man es wahrschenlich schon ein wenig gesehen und wo hört die Augenhöhe auf und wo fängt die Bevormundung an? das ist die Frage, die ich ehrlich gesagt nicht schlüssig beantworten kann, auch weil ich persönlich finde, dass sieben Kinder etwa vier zu viel sind. Natürlich haben wir den Wunsch der Mutter respektiert und den kleinen Buben in dicke synthetische Wollsachen gepackt. Und gesaugt hat er dann doch noch und er hat auch nicht mehr aufgehört zu saugen, er hatte einen riesen Hunger nach dieser Gebärerei.

Falls der Bericht etwas wirr ist, verzeiht bitte ich schreibe nach einem zweiten halben Bier und einer durchwachten Nacht, heute gebe ich übrigens mein Abschiedsessen und morgen früh fahren wir los, Omar, Abdulah und ich, und ab morgen Abend dann nur noch ich. Jetzt gehe ich etwas schlafen und dann packe ich und putze ich und bereite noch etwas für heute Abend vor.

Die ersten Verletzten

Ja, genau so ist es, heute kamen die ersten Verletzten ins Centre. Ein glimpflich abgelaufener Töff Unfall, zwei Bororo-Männer auf dem Weg zum Viehmarkt, sind mit einem Bamoun, der seinen Töff wendete, zusammengestossen, beide Bororos waren von oben bis unten mit Schürfwunden gesprenkelt, das hiess desinfizieren und einer hatte noch ein Loch im Knie, das musste genäht werden und so kam Rafiatou zum ersten Mal in den Genuss eines sterilen Nahtsets und war restlos überfordert. Während ich schockiert war, als sie den Mann unsteril zusammennähen wollte, war sie schockiert über das Theater, das ich veranstaltet habe, steril? wozu? er kriegt so oder so Antibiotika, sie hat dann aber fast steril gearbeitet. Den Zweiten legte sie auf die blutverschmierte Unterlage vom ersten, und Susle, wieder an der Decke, nach Luft ringend, aber es sind doch Brüder, schon mal gehört, dass Brüder einander auch Krankheiten anstecken können? Nein? Aber leider ist es so und in dem Falle glaube ich kaum, dass die Familie sagen wird, so schön, dann bleibt es in der Familie. Während Rafiatou nähte, hielt ich ihr die Taschenlampe hin, aber ich hielt es nicht lange aus, meine Knie wurden immer weicher und ich musste raus, ich bin Hebamme und nicht geschaffen für Töffunfälle, auch nicht wenn alles nur halb so schlimm ist.

Nach der kleinen Chirurgie, so nennt man das hier, wenn einer zusammen genäht wird, oder wenn ein Abszess eröffnet wird oder sonst etwas gruseliges unternommen wird, einfach alles das nicht in den Operationssaal muss, musste ich die Frauen dazu prügeln das Behandlungszimmer zu putzen. Der Boden war voll Blut und sie baten schon die nächste Patientin herein, ich hoffe, dass es in ihre Köpfe reingegangen ist, ich hoffe es wirklich, von ganzem Herzen. Während die Frauen putzten, kümmerte ich mich um Omars Tochter, Nadria, die von ihrer Mutter mit über 39°C Fieber und der Mitteilung, Omar komme gleich, auf dem Weg zum Markt abgeliefert worden war. Nadria fand das gar nicht lustig und weinte und ich nahm sie auf den Arm und sie schmiegte sich ganz fest an mich und Omar kam natürlich nicht gleich, es dauerte mindestens eine Stunde und der Malariatest war positiv und das Fieber liess sich mit Wickel nicht senken, aber alles kommt gut, Nadria wird gegen Malaria behandelt und hat gegen Abend schon wieder gespielt.

Als wir Richtung Wohnung losfahren wollten, sah ich etwas auf der Strasse, etwas das sich ganz lustig bewegte, fast ein wenig wie eine Kröte, aber irgendwie auch anders, es war auch keine Kröte, es war eine kleine Schildkröte (und erst beim Schreiben merke ich, dass es ja auch eine Kröte ist) die die Strasse überquerte, und schwupps waren wir aus dem Auto gesprungen und haben den Verkehr geregelt und die Schilskröte konnte unbehelligt die Strasse überqueren.

Zum Abschluss des Tages haben Zenabou und ich noch Hybiskusblütensirup, Volere, gemacht, für sie (sie wollte lernen wie man den Sirup macht), für Omar und für mein Abschiedsessen am Donnerstag. Ich habe viele Hybiskusblüten gekauft und will zu Hause auch Sirup machen, wer weiss, vielleicht kommt die Eine oder der Andere von Euch in den Genuss.