Langeweile

Was schreibt man an einem Tag wie heute? An einem Tag, an dem ich mich, ausser auf dem Markt Erdnüsse, Tomaten, Peperoni, Zwiebel und Kochbanane zu holen und in der Drogenabgabestelle ein Bier, nicht aus der Wohnung bewegt habe? An einem Tag, an dem ich drei WhatsApps beantwortet habe, die Küche geputzt, auf dem Handy gegamet, in einem Krimi gelesen, aus dem gekauften Gemüse etwas gekocht und sonst ganz und gar nichts erlebt habe?

Auf der Papierfront ist wieder einmal Warten angesagt, fürs Spazieren war ich zu träge und seit heute Morgen fliesst kein Wasser. Das ist einer der Tage, da wäre ich gerne zu Hause. Dort schaffe ich es locker einen Tag oder auch mehrere, einfach rumzuhängen und mich keine fünf Meter von der Hauswand zu entfernen. Aber dort ist das Alleinsein irgendwie anders, selbstbestimmter. Ich könnte mich natürlich mehr mit den Leuten, die ich hier kenne treffen, aber da kann ich nie ganz ich sein, da bleibe ich Madame Suzanne, Mama, Mamie, la Blanche, da stecke ich immer in einer Rolle. Die Jungen weigern sich mich zu duzen, weil ich alt bin und bei den Männern, darf ich es nicht anbieten, weil sie dann meinen, ich will etwas von ihnen. Da bleiben dann nur noch Assana und Omar, mit denen ich einfach per Du sein kann, nur dass Assana Dreiviertel von dem was wir sprechen nicht versteht, was bei vielen Frauen der Fall ist und Omar auch noch ein Familienleben hat und nicht mein Alleinunterhalter sein soll.

Kehrichtverbrennung à Cameroun


Es ist die Zeit der Hochzeiten hier. An den Samstagen kommt dann zum üblichen Gehupe noch das Dauerhupen der Hochzeiterinnen und Hochzeiter dazu. Gestern habe ich erfahren, warum im Moment so viele Hochzeiten stattfinden. Am 06. Mai beginnt der Ramadan. Das heisst, dass die Musliminnen und auch die Muslime nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang essen dürfen, sie sind hier wenigstens im Vorteil gegenüber Musliminnen in Grönland. Das heisst auch, dass es sich lohnt schon vorzukochen, denn um 05:00 am Morgen hat niemand Lust zu kochen. Die Männer hier kochen jedoch nicht. Entweder, sie gehen zu ihren Mütter zum Essen oder sie haben eine, oder natürlich auch mehrere, Ehefrauen, die für sie kochen. Deshalb versuchen heiratsfähige, unverheiratete, nicht mehr bei der Mutter wohnende Männer vor dem Ramadan noch zu heiraten. Ich sage ja schon immer, ein grosser Teil der Liebe geht durch den Magen. Und ich habe das grosse Glück mit Chrigu, seine Kochkünste schmeicheln meinem Magen sehr.

Morgen brauche ich so etwas!

FIDA

Und wieder einmal bekam die Reiskooperative Besuch. Diesmal von FIDA (Fonds international de développement agricole), einer Zweigstelle der UNO, mit Sitz in Rom. Gestern wurde ich informiert und eingeladen. Heute früh um 07:00 sollten sie kommen. Ich war schon gestern der Meinung, dass um 07:00 niemand da sein wird. Ich fand, die Italiener werden etwa um 07:45 kommen, was ich in meiner Rechnung vergessen hatte, war dass die Chauffeure Afrikaner sind. Sie kamen um 09:08, für hier, voll im Rahmen. Wieder wurde ein Zelt aufgestellt, mit vielen Plastikstühlen drunter und wieder wurden die Sofas aus den Häusern vom Chef geschleppt und für die Gäste drapiert.

Und wieder stellten sich die Männer in einer Reihe auf um die Gäste zu begrüssen, wieder sangen, tanzten und uru-uhten (ich weiss wirklich kein Wort dafür und kreischen ist frech und stimmt auch nicht genau) die Frauen, wieder wurden die Schulkinder herbeordert und sangen, diesmal die Hymne und wieder gab es Reden und eine Besichtigung der Kooperative. Diesmal wurde für die Gäste gekocht, aber die hatten um zehn Uhr noch keine Lust auf Mittagessen und mussten sowieso weiter und so konnten alle anderen Anwesenden essen. Es gab Kochbananen und Fleisch, dass die Reiskooperative, die übrigens einen extrem leckeren Bioreis produziert, mit ganz kleinen Reiskörnern, keinen Reis auftischt, fand ich schon etwas speziell.

Die Reiskooperative ist, wie das Centre de Santé Mbambeluh ein Entwicklungsprojekt des Dorfes. Und sie ist eine Erfolgsgeschichte. Innert fünf Jahren erhöhten sie den Ertrag um das Fünffache. Und das Bio. Einfach mit mehr Wissen und mit einer Reissorte, die zu ihrem Boden passt. Die FIDA hat das Projekt finanziell und mit Wissen unterstützt und kann es mit Stolz als Erfolg verbuchen.

Auch wenn mich das Dorf zwischenzeitlich geärgert hat, im Moment bin ich stolz darauf. Gestern brachte das rote Kreuz Flüchtlinge aus der anglophonen Region nach Ngoundoup. Das Dorf hat sich bereit erklärt sie aufzunehmen und zu integrieren. Bis eine andere Lösung gefunden worden ist, wohnen sie im, noch nicht ganz fertig gebauten, Haus vom Chef. Die Leute aus dem Dorf gehen vorbei um sie zu begrüssen und ihnen Sachen zu bringen. Das hat mich beeindruckt und ich konnte die Momente, in denen ich das Gefühl hatte, die Menschen im Dorf erwarten nur, verzeihen und vergessen. Sie verhalten sich sehr solidarisch und es ist schön, das miterleben zu können.

Auch mit unserer Situation konnte ich mich versöhnen. Der Chefsekretär vom Sultan, er heisst übrigens Attaché, hat uns versichert, dass der Delegierte sich unserer Sache angenommen hat und dass er am Wochenende nach Foumban reisen wird und sie das weitere Vorgehen besprechen und beschliessen werden. Nun ist es einfacher, mich in Geduld zu üben, die richtigen Leute sind am Ball, es passiert etwas, auch wenn es noch ein paar Tage geht, es wird in naher Zukunft entschieden. Und so habe ich heute Nachmittag einen ausgedehnten Spaziergang zu den Reisfeldern gemacht, was nach einem Reismorgen voll Sinn macht, habe unterwegs Mangos zusammengelesen und gegessen und bin durch einen kleinen Mangowald gegangen, habe zwei Herden Böhs gesehen und von einer Herde habe ich den Hirten von meinem gestrigen Besuch gekannt, bin mit zwei singenden Mädchen zurück ins Dorf spaziert und habe im Centre eine Horde Kinder angetroffen, die beim Abwaschbecken auf der Terasse warmes Wasser für ihre Dusche geholt haben, sie sind wie die Hasen auseinander gestoben als sie mich sahen, mussten dann aber zurück kommen, weil ich nicht weg ging.

Bororo

Soll ich mit der Maus anfangen oder zuerst erzählen ob unsere Eröffnung näher rückt? Ich weiss, ich bekomme genau jetzt, keine Antwort. Etwa so geht es uns auch mit dem hoffentlich lieben Delegierten für Gesundheit der Region. Bis jetzt (Redaktionsschluss) keine Neuigkeiten. Es ist vergleichbar, wie wenn man in einem Bewerbungsverfahren ist und gerne anrufen möchte, um noch einmal zu versichern, dass man die Stelle oder die Wohnung unbedingt möchte und man weiss, dass anrufen jetzt falsch wäre, dass man die Leute nur hässig macht und stresst, aber man es fast nicht aushält und hundert Gründe sucht, warum man vielleicht trotzdem anrufen könnte und dann vernünftig bleibt und wartet. Aber etwas tut Omar trotzdem, er ruft noch einmal den Chefsekretär vom Sultan an, heute Abend. Das geht, weil seine Verwandtschaft darf man anrufen.

Und die Maus? Ja, die Maus. Sie gibt nicht auf. Heute am Morgen putzte ich in der Küche – aber wo sind die Schwämme, die ich gekauft habe? – hinter dem Gefrierschrank, in eine Öffnung gestopft habe ich sie gefunden. Ich traute mich nicht, sie heraus zu ziehen. Wer weiss, was dahinter lauert, das ist klar ein Job für Omar. Aber ich habe meine Putzerei mutig beendet und nur den Teil hinter dem Gefrierschrank, den habe ich ausgelassen. Omar hat dann die Schwämme rausgeholt, es waren keine Mäuse dahinter und er hat die Öffnung oben in der Tür verschlossen, die vermeintliche Eintrittsstelle der Maus.

Omar jagte Mäuse, während ich zusammen mit Abdul (mein Türöffner und Übersetzer für Fulfulde) die Bororos besucht habe. Da sie zusammen mit ihren Böhs leben, wohnen sie nur in kleinen Weilern, immer eine Familie, wobei da schon fünfzig Personen zusammen kommen. Früher waren die Bororos Nomaden, in Nigeria sind sie es zum Teil immer noch. Abduls Grossvater wurde 1946 sesshaft. Vorher waren ihre Häuschen nur aus Stroh, jetzt sind sie aus Lehmsteinen mit Strohdach. Die Häuser sind so klein, dass ich mich frage, wie man ausgestreckt darin schlafen kann und es schlafen mehrere Menschen in einem Häuschen. Wie auch auf der anderen Seite der Strasse, wo Rafiatou und ich am Montag waren, sind die ganzen Areale blitzblank, sauber. Und es ist eindrücklich, obwohl die Menschen hier wirklich nichts haben, kein Strom, kein Wasser, keine Autos, durch die Sauberkeit wirkt alles viel weniger arm. Auch die Kinder, die sonst oft schmutzige, kaputte Kleider tragen, sind hier sauber und geflickt.

Die Wanderung durch die Brouse, von einem Familienclan zum nächsten war wunderschön und ich habe sie in vollen Zügen genossen. Die Bororos sind gewohnt viel zu marschieren, mit ihren Böhs laufen sie oft um die zwanzig Kilometer pro Tag. Seit sie sesshaft sind, betreiben sie auch Ackerbau und vor allem die Jungen integrieren sich je länger je mehr in die gesammte Gemeinschft im Noun. Mit Abdula diskutierte ich auf unserer Wanderung über die Politik in Kamerun. Er ist sehr unglücklich und überzeugt, dass Paul Biya die Wahl im Oktober 2018 nicht gewonnen hat. Er ist ein intelligenter, aufgeweckter junger Mann, der gerne viel erreichen möchte und leider keine Chancen hat. Er war im Gymnasium und musste jetzt aussetzen, da er das Schulgeld nicht bezahlen kann. Sobald er genug gespart hat, wird er weiter ins Gymnasium gehen.

La Force de l’expériance mit seiner Angetrauten zur Feier ihrer 25 jährigen Ehe (23.04.19)

Auch wenn Abdula es schafft, eine gute Ausbildung zu bekommen, wird er wahrscheinlich immer noch keinen Job finden und, zwar mit Hochschulabschluss, weiter Böhs züchten und die Äcker seiner Familie bebauen.
Abdula erzählte mir auch, dass es, zu den Zeiten als sein Grossvater in Ngoundoup sesshaft wurde, noch Löwen und Büffel in den Wäldern gelebt haben, die seien aber alle getötet worden und jetzt gebe es keine mehr. Über die wilden Tiere, kamen wir zum Thema Familienplanung, auch hier ist er der Meinung, dass weniger Kinder zu haben besser ist. Meine Einlage, dass 2.1 Kinder pro Familie genügen um die Population zu halten fand er jedoch lustig, ein zehntel Kind ist ihm bisher noch nicht begegnet.

Die ganze Story

Gestern war ich etwas zurückhaltend in meiner Erzählung, ich wollte zuerst Dänu informieren. Also, wie schon erzählt war der Chef du District de la Santé am Unterrichten und nicht ins Büro zurück gekehrt. Die Schule für die Pflegehelferinnen und -helfer liegt gleich hinter dem Büro. Nfouapon und ich sind dorthin spaziert und haben ihm beim Unterrichten zu geschaut. Er kam heraus und erzählte uns noch einmal die gleiche Leier wie vor einem Monat. Das Centre de Santé Intégré … er habe es von Anfang an gesagt, das gehe nicht. Er sei noch beim Souspräfekt gewesen und der sei gleicher Meinung wie er. Das Dorf müsse halt bauen. Er hat sich geweigert das Dossier entgegen zu nehmen.

Zum Glück hatten wir die Maschinerie für diesen Fall schon installiert. Der Souspräfekt, der die Information vom Chef du village (ich muss ein bisschen viel Chef schreiben, hier hat es halt ganz ganz viele davon) schon gestern Abend bekam, reagierte ziemlich wütend auf den Chef du District de la Santé, der sei nie gekommen und er verstehe das Problem überhaupt nicht, das Centre de Santé Intégré hätte schon lange umziehen müssen und es sei nicht am Dorf ein Gebäude zu errichten, sondern am Staat, sprich, seinem Vertreter hier, dem Chef du District de la Santé. Er stehe voll und ganz hinter dem Projekt und wenn die Gesundheitsbehörde ihre Arbeit nicht macht, dann sei das deren Problem.

Omar war heute schon um 06:45 im Sultanspalast in Foumban, wo er dem persönlichen Sekretär des Sultans die ganze Geschichte, vom ersten Tag an, erzählt hat. Dieser hat dann zum Telefon gegriffen und den Chef der Delegierten für Gesundheit in der Region West informiert (die sind einen Stock höher als der Chef du District), welcher sich dem Dossier annehmen wird und uns informiert was er zu tun gedenkt. Heute haben wir leider noch nichts gehört, aber heute ist dort Sitzungstag. Wenn nötig wird der Sultanspalast Kontakt mit dem Gesundheitsminister aufnehmen, aber sie glauben, dass es nicht nötig sein wird.

Vor einem Monat hätten wir dieses Szenarium noch nicht durchspielen können, da unser Dossier, wegen der fehlenden IDE nicht vollständig war. Nun sind aber alle bereit zu helfen.
Nun die Frage, warum bockt der Chef du District de la Santé dermassen? Hatte er doch am Anfang das Projekt unterstützt und Omar bei der Zusammenstellung des Dossiers geholfen. Gestern hatte ich noch kurz gedacht, dass meine Anwesenheit ihn dazu bewogen hat noch einmal die gleiche Geschichte zu erzählen. Gesichtsverlust. Es geht um Gesichtsverlust und es geht um noch mehr. Die Chefin vom CSI und er haben ein Verhältnis. Und es ist sie und nur sie, die das Centre de Santé Mbambeluh um jeden Preis verhindern will. Da der Chef du… mit einer Chefärztin vom Spital Foumban verheiratet ist, macht ihn das Verhältnis erpressbar und dies nutzt die Dame vom CSI gnadenlos aus. Anscheinend erscheint sie alle paar Tage im District de la Santé um Dampf gegen uns zu machen. So viel zum Lokaltratsch, was mich beruhigt hat, ist, dass nicht meine Anwesenheit Schuld am Debakel ist.

Und noch etwas Modeschau. Das sind unsere Arbeitskleider. Eigentlich hätten wir sie schon lange anprobieren können, aber irgendwie war der Moment immer der Falsche, bis heute. Nach ausgiebigem Lokalklatsch zum Thema Chefin vom CSI und Chef vom District und vielen Meinungsäusserungen, war der richtige Moment gekommen für die Anprobe, ausgiebiges posieren für Fotos und ausgelassenes Tanzen für Videos. Die Freude war riesig und die baldige Eröffnung wurde irgendwie konkreter.

Foumban

Also, eigentlich kann ich nichts weiter erzählen als warten, warten, warten …

Das fing am Morgen an, warten auf Nfouapon, er sollte mit mir die Bestellung von Medikamenten ausfüllen. Wir hatten um 09:30 beim Eingang des Distriktspitals von Foumban abgemacht. Ich war natürlich schon zehn Minuten zu früh da, Schweizerin, er kam um 11:30, Afrikaner. Eine Stunde lang bin ich dort gestanden und habe gewartet, nach einer Stunde kam ein netter Herr und bot mir einen Stuhl an, das war dann viel bequemer.

Der Eingang vom Spital

Zusammen mit Nfouapon setzte ich mich in ein kleines Restaurant, dort machten wir zusammen die Liste für die Medikamente. Laut Plan hätten Omar und der Dorfchef auch schon in Foumban sein sollen, waren sie aber nicht. Das war aber nicht so schlimm, da man uns sagte, dass der Chef de District de Santé erst um 15:00 im Büro sei, er sei am unterrichten. Ok. Aber die zwei sollen vor 15:00 bei uns sein, um 15:30 hat der Chef de District de Santé nämlich Feierabend. Um 15:25 kamen die Herren an und ich schäumte! Und dann, der Chef de District de Santé ist gar nicht in sein Büro zurück gekehrt.

Ich hasse das ewige Warten! Ich bin ehrlich sehr froh, dass wir in der Schweiz mehr oder weniger pünktlich sind. Es ist wirklich eine Frage des gegenseitigen Respektes, warten ist irgendwie erniedrigend, du bist blockiert, kannst nichts anderes tun, sogar wenn du liest bist du dauernd vom Warten abgelenkt. Unangenehm. Ich werde mich definitiv nicht dem afrikanischen System anpassen. Ich bleibe schweizerisch.

Auf jeden Fall sind wir mit dem Dossier im Gepäck wieder nach Koutaba zurück gekehrt, unterwegs abgebremst von einer Herde Böhs, die vom Viehmarkt nach Hause marschiert sind. Und was die Geschichte Centre de Santé Mbambeluh anbelangt, morgen mehr.

Good News

Das Beste zuerst! Die Papiere von Awa, unserer IDE sind im Bus von Yaoundé nach Koutaba! Morgen fahren wir, wenn nicht irgendwo noch ein Stein rumliegt, mit dem vollständigen Dossier nach Foumban und reichen es ein. Das heisst, morgen gibts Teil zwei im Strassenfeger „Chef du District de la Santé“ Foumban. Leider ist es oft so, dass der zweite Teil mieser ist als der erste, aber manchmal erleben wir auch eine Steigerung, alle sind etwas älter und reifer. Wir werden sehen und ihr drückt hoffentlich alle die Daumen.

Heute waren Rafitou und ich bei den Bororos. Sensibilisation. Von den Bororos habe ich euch schon erzählt. Sie sind die, die die Böhs züchten. Sie leben in der Brouse, in wunderschönen runden Häusern aus Lehmsteinen und Stroh. Sie sind hier ziemlich am Rande der Gesellschaft, leben ausserhalb der Dörfer in Familiengemeinschaften. Sie sprechen auch eine eigene Sprache. Das heisst, dass vor allem die älteren Menschen, ohne Schulbildung, keine oder wenig Kontakte zur Welt ausserhalb ihrer Kultur haben. Bei den jüngeren Generationen verändert sich vieles und sie öffnen sich für die Welt da draussen. Bildung ist für sie etwas wichtiges und wird wenn möglich, auch von den Eltern gefördert.

Wir wurden extrem herzlich und freudig empfangen. Dass wir die Sensibilisierung nicht nur entlang der geteerten Strasse machen, dass wir zu ihnen kommen, zu Fuss, mit dem Auto ist es nicht möglich, das empfanden die Leute als äusserst wertschätzend. Die Skepsis, die ich nach den Erzählungen und Ratschlägen zu diesen Besuchen, erwartet habe, stellte sich überhaupt nicht ein. Im Gegenteil, das Interesse an unseren Projekt war extrem gross und auch die Bereitschaft etwas beizusteuern echt. Sie fragten genau nach, was, wie, wann sie machen können um uns zu helfen. Sie erzählten uns auch von ihrem Tagesablauf und den möglichen Zeiten wo sie allenfalls helfen könnten. Es war mehr als das übliche Danken und super macht ihr das, wo die Betonung auf dem Ihr liegt. Das Wort Partnerschaftsprojekt, kam sehr gut an und wenn ich erklärte, dass ein Gesundheitszentrum zu unterstützen gerade dann sehr wichtig ist, wenn man gesund ist und eigentlich gar keines braucht, hatte ich das Gefühl, dass kleine Lämpchen angehen und mir tatsächlich so etwas wie Verständnis entgegen kommt.

Die Häuser und die Umgebung sind sehr sauber, etwas ausserhalb des Wohngeländes gibt es ein grosses Loch, wo die Abfälle verbrannt werden. Jede Familie hat einen kleinen Acker auf ihrem Gelände und ein Gehege für die Böhs. Dort sind sie in der Nacht. Bei Tag werden sie von einem Hirten durch die Brouse begleitet.

Es ist sehr wichtig die Bororos auf unserer Seite zu haben, denn bei ihnen gehen die Frauen sonst ganz alleine in den Wald um zu gebären und das zu verhindern, wäre gesund für Mutter und Kind. Obwohl das Leben dort in der Brouse, in den einfachen Häusern ohne Wasser, das holen sie weit von zu Hause an einer Quelle, für mich sehr fremd ist, obwohl ich mir dieses Leben nur theoretisch vorstellen kann, bin ich sehr beeindruckt und hege eine gewisse Sympathie für das Volk, vielleicht auch ein wenig wegen den Böhs, die ich extrem cool finde.

Nach unserem Besuch in der Brouse, haben wir noch gehandwerkert. Zuerst waren die Frauen zwar überzeugt, dass das eine Männerarbeit ist und viel zu schwierig für Frauen, aber das hat sich sehr schnell gelegt und die Freude, etwas zu machen, das nicht ihrer Rolle entspricht hat gewonnen. Das Sägen, Bohren und Schrauben war innert Kürze derart beliebt, dass ausgehandelt wurde, wer wie lange darf. Auch beim Mittagessen, das ich zubereitet habe, es gab Zwiebeln, Süsskartoffeln und unreife Mangos mit Salz zu einem Eintopf verarbeitet (einfach alles was da war), wurde ich mit – das kann man so nicht essen – das ist kein Gericht – zugetextet und dann, haben sie sich die Finger geleckt und zweimal nachgeschöpft und waren erstaunt, dass man einfach etwas kochen kann, das man sich zwei Minuten vorher ausgedacht hat. Wahrscheinlich wird nicht viel von mir hängen bleiben, aber wenn die Frauen nur ein ganz kleines Bisschen entspannter und kreativer durch ihr Leben gehen, dann ist das ein grosser Sieg.

In der Kirche


Ich habe es gemacht. Ich bin heute in die Kirche gegangen. Man hatte mir gesagt, um neun Uhr. Ich war etwa um zehn vor dort. Zwei Herren in weissen Hemden, weissen Hosen, weissen Kitteln und schwarzen spitzen Schuhen begrüssten mich und wiesen mir einen Platz zu. Die Kirche war mehr oder weniger leer. Also auch dort, keine akademische Viertelstunde, eine afrikanische Dreiviertelstunde nach neun Uhr ging es dann los. Mit viel Gesang. Der Vorsänger war zwar nicht ganz so virtuos wie James Brown in Blues Brothers, aber immerhin. Die Frauen strömten nach vorne und berührten ihn und legten ihm Geldscheine auf sein Haupt. Hat mich ein wenig an ein Stripplokal erinnert.


Die Predigt wurde zweisprachig abgehalten, Französisch und Bamoun. In Bamoun war sie sehr schön. Es wurde sehr viel gebetet und viel gesungen, begleitet von einem Synthesizer, mehr störend als unterstützend. Es wurde getanzt, geklatscht und gejubelt. Aber es gab keine Szenen wie in den Filmen wo Gläubige in Ekstase zusammenbrechen.


Dann wurde eine Frau getauft, sie ist jetzt Christin und hat versprochen, die Bibel zu lesen und sich in der Kirche zu engagieren. Wieder Beifall, wieder Jubelrufe, wieder Gesang.


Die Frauen, herausgeputzt, alle mit Kopfbedeckung, viele mit einem weissen Tuch, einige mit kunstvollen Hüten. Eine Gruppe Frauen und Männer ganz in weiss, auch die Frau Täufling, eine andere Gruppe in türkis, weisse Bluse, schwarzer Rock, bunte Bluse, buntes Hemd, schwarze Beinkleider, das waren verschiedene Chöre, Frauenchöre, Männerchor, gemischte Chöre, Diakone und Diakonissen, Honoratiorinnen und Honoratioren.


Nach der Kollekte und weiteren Gesängen, eine Geldsammlung für Bodenplatten für die Kirche. Eine nach der anderen, einer nach dem anderen ging zum Tisch in der Mitte der Kirche, zum Spenden. Am Tisch, der Präsident des Kirchenrates, zwei weitere Herren, eine Dame, vor dem Tisch eine Speakerin und ein Speaker, die Name und Betrag der Spenderin mitteilten, begleitet von Applaus und Jubelrufen. Die Herren und die Dame am Tisch zählten das Geld und führten eine Liste. 8’000CFA für einen Quadratmeter Marmorbodenplatten, dabei ist der rote Boden viel viel schöner!


Es war eine Erfahrung, eine schöne Erfahrung, aber ich werde nicht gläubig, obwohl ich verstehe warum die Kirche hier reger besucht wird, als bei uns. Es ist lebendig, es ist herzlich, es ist ein Fest.

Als ich von den zwei weissen (Kleider) Herren an meinen Platz gebracht wurde, waren noch die Kinder in der Kirche, die haben wohl kirchlichen Unterricht vorher, und als sie gingen, tönte das so – on y va! (Betreuerin) – à deux! (Kinder) – on y va! – à deux! – on y va – … bis sie alle draussen waren. Das Schreien von Antworten im Chor heisst hier Lernen, Bildung, Sensibilisierung.

Empathie

Eigentlich wollte ich eine Geschichte schreiben, wollte nicht über meine Erlebnisse berichten, sondern eine Geschichte erfinden, eine Geschichte, die sich hier in Koutaba abspielt. Aber es geht nicht, ich schaffe es nicht, die wahren Emotionen, den Einfluss der Traditionen, den wirklichen Alltag zu fühlen. Ich kann es mir vorstellen, im Kopf, ich kann es ab und zu auch im Bauch spüren, ich weiss zwar immer mehr, ich weiss gleichzeitig immer weniger.


Wie ist es tatsächlich, in einer Hütte aus Lehmsteinen zu wohnen, jeden Tag zu hoffen, dass genug zu Essen für alle hier ist? Wie ist es zu wissen, dass die eigenen Kinder sterben, weil man zu wenig hat, dass die Kinder wahrscheinlich ein vergleichbares Leben führen werden, dass es kein Entrinnen gibt?


Gerne hätte ich eine Geschichte geschrieben, eine Geschichte von einer Frau, die ausbricht, die ihr Leben in ihre Hand nimmt und die es schafft, ein besseres Leben zu leben. Die Frauen hier sind sehr stark, sie übernehmen die Initiative, sie sorgen für ihre Familien. Gleichzeitig sind sie schwach, sie haben keine Bildung, sie können sich nicht vorstellen, dass man Sachen auch anders machen könnte. Sie kämpfen mit dem, was sie auf ihren Weg mitbekommen haben, sie machen das Beste daraus, aber sie haben keine Möglichkeit, Neues zu lernen, Neues zu testen.


Wie ist es in einem Land zu leben, das dir jeden erdenklichen Stein in den Weg legt, wenn du etwas verändern möchtest, in einem Land zu leben, wo du schon mit sechzehn Jahren verheiratet wirst, womöglich mit einem Mann der dreimal so alt ist wie du und schon ein paar Frauen hat, in einer Ehe zu leben, in der du an deiner Kinderzahl gemessen wirst? Ich könnte die Geschichte immer nur aus meiner Sicht schreiben und ich wäre mit viel zu viel Wissen ausgestattet (und das obwohl ich oft das Gefühl habe, unwissend zu sein, denn es gäbe noch so vieles, das sich zu erfahren, zu erfühlen, zu Wissen lohnen würde).


Wenn Ajara mir von ihrem Mann erzählt, dann bin ich schockiert, dann denke ich, warum wehrst du dich nicht, warum verlässt du ihn nicht, und dann muss ich mir eingestehen, dass das hier Normalität ist und dass eine Frau ihren Mann nur verlassen darf, wenn er gewalttätig ist, ein Mann aber seine Frau aus jedem Grund verlassen darf. Omar, der für hiesige Verhältnisse sehr offen ist, glaubt dass die Männer die Frauen beschützen müssen. Frauen sind, auch für ihn, unfähig alleine zu bestehen. Wie kann ich da eine Geschichte aus der Sicht einer Frau in Koutaba schreiben? Es ist unmöglich.


Es ist ein wenig, wie wenn unsere Grossmütter erzählen, wenn wir zurück denken an die Zeit, als die Frauen bei uns nicht wählen, nicht abstimmen durften, als sie nur mit Erlaubnis ihres angetrauten Ehegatten arbeiten und Autofahren lernen durften, kein eigenes Bankkonto hatten, ohne Unterschrift des Gatten keine Unterbindung durchführen konnten, nur noch extremer. Und was so schlimm ist, die Frauen glauben den Mist der Männer, all die Gehirnwäschen, die Mantra, Frauen sind schwächer, Frauen sind dümmer, Frauen wissen nicht was sie tun, sie sind eingebrannt, in Fleisch und Blut.


In einem Kurs in Soziologie ging es um die Geschlechter, es ging darum, dass wir von zwei Geschlechtern ausgehen, dass jedoch, wenn wir eine rein genetische Sicht haben, viele Varianten existieren. Aber, unsere Sicht ist und bleibt, zwei Geschlechter. Etwas das wir zwar nur gelernt haben und trotzdem als völlig selbstverständlich ansehen, etwas das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, etwas das wir nicht einfach so, anders sehen können. Etwa so stelle ich mir die Situation der Frauen hier vor.


Darum kann ich leider keine erfundene Geschichte erzählen, darum werde ich weiter meine Erlebnisse beschreiben, denn auch eine Geschichte, in der ich die Protagonistin wäre, eine Erfolgsstory über das erste, einzige Centre de Santé in Kamerun, wo alles perfekt läuft, kann ich nicht schreiben, Inshallah, entsteht die Geschichte durch das Erlebte und wenn nicht perfekt, wer weiss, vielleicht keimt ein kleiner Samen, vielleicht wächst ein Pflänzchen.

Betriebsausflug

Das war eine super Idee! Eigentlich wollte ich zum Lac Bamendjimg, der liegt etwa dreissig Kilometer westlich von hier und muss sehr schön sein. Leider liegt der See aber in anglophonem Gebiet und es ist zu gefährlich dorthin zu gehen. So hat Omar einen anderen See, den Lac Petponoun ausgesucht. Dieser gehört jedoch einem Ressort und darf nur gegen Eintritt besichtigt werden. Und der Eintritt hats in sich! Wäre da nicht Susle dabei gewesen und hätte die nicht auf Googlemaps eine eintrittsfreie Lösung gesehen und fast daneben erst noch einen Kratersee, hätten die Anderen sich mit einer Kurzbesichtigung auf dem Weg zur Rezeption zufrieden gegeben.

Rafiatou mit Caisa

Wir waren fünf Frauen, zwei Kinder und Omar. Unsere Proviant, Sandwichs mit Avocado, Tomaten, Peperoni und Erdnussfüllung, Folere, ein Saft aus Hybiskusblüten und Wasser. Als Wandervögel kann man die Frauen nicht bezeichnen, sie fanden bald, dass es gut ist und ein Schattenplatz und der Verzehr ihres Sanwichs für sie perfekt sei, Assana, die erklärt hatte, sie liebe das Wandern, legte noch weitere hundert Meter zurück um dann zu den anderen zurück zu kehren. Omar und ich stiegen auf einen Hügel, von dem ich glaubte, dass man den Kratersee sieht und von dem Omar glaubte, dass man ihn nicht sieht, weil nämlich nicht existent, er hatte rumtelefoniert um rauszufinden wo dieser See sein könnte und auch im Ressort hat er danach gefragt und ihm wurde versichert, dass der See nicht existiert.

Und seit heute kann Omar damit prahlen, dass er einen Kratersee kennt, der eigentlich nicht existiert. Schön! Anders als auf dem Mont Mbapit, liegt der See in Mitten ausufernd spriessender Natur. Dort will ich einmal einen Tag verbringen, mit der Hängematte im Gepäck.

Assana

Nach Seeschau, Wanderung und frühem Mittagessen, fuhren wir weiter auf einen Markt. Und es war der aller schönste Markt bis jetzt. Ein kleiner Ort, Mbamkouop, mit einem riesigen Markt jeden Freitag und einer Präfektur, nur über Pisten erreichbar.

Zu fünft sind wir Frauen (und natürlich noch die zwei Kinder, aber die waren auf den Rücken parkiert, wo sie nicht zählen) über den Markt geschlendert, Ramatou, die zum Teil in dieser Gegend gross geworden ist, kannte alle paar Meter jemand und auch Rafiatou, die wahrscheinlich sowieso ein wenig alle kennt, umarmte und umarmte, Ajara traf auch einen Bekannten, nur Assana, kannte niemand, denn ich wurde von einem Herrn mit einem – das ist lange her, dass du das letzte Mal vorbei gekommen bist – begrüsst.

Ajara mit Arif

Wir haben viel gelacht, wir haben auf einem Platz getanzt, wir sind etwas trinken gegangen und ich habe einen riesigen Mörser gekauft. Eigentlich waren wir alle schon ziemlich müde, aber es fehlte noch ein See und das Dorf, mit der Mutter von Ramatou. Also, Achtung fertig Los! Holper, holper … bis es nicht mehr weiter ging. Dann halt zu Fuss, ins Dorf zu Ramatous Mutter.

Ramatou mit Caisa und ihrer Mutter

Die Freude war riesig und alle Dorfbewohnerinnen und -bewohner kamen zur Begrüssung und mit meinen paar Worten Bamoun konnte ich viele Punkte sammeln. Beschenkt mit Avocados und kamerunischen Kirschen, die weder wie Kirschen aussehen, noch wie Kirschen schmecken, jedoch etwa gleich gross wie Kirschen sind, wurden wir von den Leuten wieder zum Dorfausgang begleitet.

Auf dem Spaziergang zum dritten See, er hat keinen Namen, aber vor langer Zeit, hatte einmal ein Sultan dort gewohnt und von da gibt es noch eine Treppe, aber das war auf der anderen Seeseite, haben wir noch mehr Avocados aufgesammelt. Neben den Avocadobäumen wuchsen dort grüne Bohnen, Stangenbohnen, Maniok, Erdnüsse, Mais, Zuchettis, Bananen und vieles das einfach wächst (ich weiss, wir sagen dem Gjät). Der See war sehr romantisch. Mit Seerosen und mit zwei Fischern mit einfachen, schwimmenden Ruten.

Wir haben den Tag alle in vollen Zügen genossen! Für die Frauen war es etwas Besonderes, hier macht niemand einfach so einen Ausflug. Die Leute bewegen sich um etwas zu erledigen, oder um jemand zu besuchen, aber einfach so, das gehört nicht zum Programm.

Der Umgang der Frauen untereinander ist sehr herzlich, sie lachen gerne, necken sich gegenseitig und ich habe das Gefühl, sie sind überhaupt nicht nachtragend. Gleichzeitig erzählen sie auch von ihren Nöten und Problemen, sind offen, holen sich bei den anderen Rat. Ich glaube, die werden gut zusammen arbeiten und ich glaube auch, dass ich ihren Ehrgeiz etwas angestachelt habe, sie wollen ihre Arbeit gut machen.

Der kleine Arif war auch dabei. Ihm geht es wesentlich besser. Am Morgen war er noch etwas leidend und hat viel geschwitzt, aber am Nachmittag ist er dann aufgetaut und hat alle mit viel Charme und einem gkücklichen Lächeln um den Finger gewickelt. Ich bin so froh. Bei den vielen Todesfällen hier, hatte ich wirklich grosse Angst, dass Arif nicht überlebt.

Der Tag danach

Den gestrigen Abend verbrachte ich mit einem äusserst schrägen österreichischen Film. Hirschen. Da tauchte ich weg, kombiniert, Film und Capirinha. Ganz schaffte ich es jedoch nicht. Der kleine Junge, Arif heisst er, der gestern von seiner Mutter mit Medikamenten vollgepumpt wurde, lag im Spital mit einem akuten Nierenversagen. Da war ich froh um meine harsche Reaktion der Mutter gegenüber. Bei Kindern wird ein akutes Nierenversagen meist durch Medikamente ausgelöst (zum Beispiel Ibuprufen). Aber ich hatte auch grosse Angst um den kleinen Arif. Er hat es überlebt und es geht ihm schon wieder besser. Gott sei Dank.

Apropos Gott sei Dank. Heute bin ich auf meiner Wanderung an einer Kirche vorbei gekommen und habe drinn Gesänge gehört. Vielleicht gehe ich am Sonntag in die Kirche. Wenn wirklich so gesungen wird, wie ich das aus den Filmen kenne, vielleicht sogar so, wie in Blues Brothers, dann hätte es sich gelohnt. Und wenn nicht, hätte ich eine weitere Erfahrung gemacht.

Ich habe mich wieder beruhigt. Die schlechte Laune hat sich gelegt. Bis zehn Uhr habe ich geputzt und Wäsche gewaschen, propre Jeudi, sauberer Donnerstag, dann rumhölzeln, Brot backen für Sandwichs für morgen, zwei Stunden durch die Brouse spazieren, Einkaufen auf dem Markt, den Inhalt der Sandwichs vorbereiten, Essen und jetzt Schreiben. Mit diesem Programm habe ich wieder Zuversicht gewonnen und bin bereit, weiter Schritt für Schritt diesen unsäglich lahmarschigen Papieren entgegen zu gehen.

Auf meinem Spaziergang musste ich drei Bäche überqueren, den ersten kannte ich schon, dort sind immer Frauen am Wäsche waschen. Der nächste war nur ganz schmal und der dritte hatte es in sich. Er war breiter und anscheinend ein beliebter Übergang für die Böhs. Ich stand mehr als knöcheltief im Schlamm und habe danach den ganzen Weg gestunken wie ein Böh. Sogar auf dem Markt, wo die Gerüche sehr vielfältig und intensiv sind, blieb mein Böh Geruch dominant. Zuhause musste ich dann etwa fünf Minuten lang meine Stinkfüsse waschen. Jetzt stinkt es entweder nicht mehr, oder ich habe mich daran gewöhnt.

Nach dem Bach, beim Aufstieg durch die Brouse, Böhs, eine ganze Herde, ziemlich sehr grosse Hörner, ziemlich sehr viele, ziemlich sehr gross, wenn auch etwas mager, zielstrebig, Richtung Bach, ich bin ziemlich schnell aus dem Weg, hatte ziemlich grossen Respekt. Aber die Böhs sind einfach an mir vorbei gezogen, nur eines wollte mich ein wenig anschauen, es wurde vom Hirten weiter getrieben. Noch kurz für Pädu: sie machen tatsächlich eher böh als möh, ich habe heute gut zugehört.

Die Böhs gefallen mir und das nicht nur auf dem Teller. Das Fleisch ist zwar chüschtig, aber auch sehr zäh und muss bis zur Schuhsohlenqualität gegrillt werden. An den verschiedenen Ständen bekommt man es als sogenanntes Soya verarbeitet, das ist wie Schuhsohlengeschnetzeltes, lecker, serviert mit Zwiebelstücken und Piment.
So eine Herde Böhs, die am Morgen durch Bern zieht um dann auf der Allmend zu weiden und am Abend zurück ins Tscharni wandert, oder ins Kleefeld, das wäre schon schön.