Heute kam nur ein neuer Patient. Der Sohn von Omar hatte seit gestern Kopfschmerzen. Wir konnten ihn mit viel Wasser, einer Brioche und einem Stofftier heilen.

Ansonsten war Flaute. Aber, und das fand ich super, es kamen viele Frauen, darunter einige Schwangere, die das Geburtszimmer besichtigen wollten. Als sie das Lindenhofgebärbett sahen, waren sie etwas ratlos, wohin mit den Beinen, wie kann man auf so etwas gebären, das sieht ganz anders aus, überhaupt nicht wie es soll. Das war der Moment für eine kleine Demonstration und eine kurze Geburtsinformation. Das war so richtig nach meinem Geschmack und auch die Frauen haben es geschätzt. Hier sind die Schwangerschaftskontrollen in den meisten Centres am Donnerstag, so wie es aussieht, werden wir am Donnerstag einige Kontrollen haben. Ich freue mich!

Dann war heute noch ein Ereignis, das bei mir und auch bei allen anderen Anwesenden Entsetzen hervor gerufen hat. Neben dem Centre wohnt(e) eine Frau mit ihren Kindern. Sie ist verwittwet und muss selber für sich und ihre drei noch zu Hause lebenden Kinder sorgen. Das klappt mehr schlecht als recht. Einige wenige aus dem Dorf greifen ihr ab und zu unter die Arme. Nun ist die Frau wieder schwanger. Da sie nicht von ihrem Mann schwanger ist, was ja nicht möglich ist, da er nicht mehr lebt, haben die Brüder von ihrem verstorbenen Mann sie heute mit Sack, Pack und Kindern aus dem Haus verjagt. Ihren Sohn musste sie aus der Schule holen. Die Kinder und die Frau haben geweint, wir haben die Männer ausgeschimpft, aber es hat nichts genutzt. Ich informierte Omar und Omar informierte den Dorfchef und der schickte einen Unterdorfchef um die Männer zur Vernunft zu bringen, aber bis das organisiert war, war die Frau schon weg. Das Haus wird nun leer stehen, irgend eine idiotische Tradition hat diese Tat ausgelöst. Omar will sich dafür einsetzen, dass die Frau zurück kehren kann. Ich hoffe, dass er es schafft!
Entsetzlich ist das! Ausserdem ist Ramadan, der heiligste Monat im Jahr, in einer Religion, die sich um ihre Mitmenschen kümmern will, die Nächstenliebe propagiert. Omars Kommentar, – das sind Hypocrite – also Heuchler, es gebe viele, die dauernd zum Gebet rennen und innen einfach nur böse sind. Und die Geschichte zeigt auch, wie abhängig die Frauen von ihren Männern sind, sogar über deren Tod hinaus. Und statt ihr zu helfen, jagt die Verwandtschaft sie aus dem Haus, das ihrem Mann gehört hat und nicht seinen Brüdern. Ich kann es nicht fassen, es ist einfach nur schlimm! Sie musste zurück zu ihren Eltern, denn eine Frau lebt entweder bei ihren Eltern, dann ist der Vater der Boss, oder sie lebt bei ihrem Mannn, dann ist er der Boss.

Was gut war, dass das Entsetzen nicht nur mich ergriffen hat, keine der Frauen war der Ansicht, dass diese Tat mit irgendwelchen Traditionen zu rechtfertigen sei, im Gegenteil, sie litten mit der Frau, im Gegensatz zu mir, wussten sie genau, was auf diese Frau zukommt, denn sie wird auch bei ihrer Familie nicht willkommen sein. Und sie hat nicht nur ihr zu Hause verloren, auch ihr Feld, das sie bestellt hat, das sie gepflegt hat, das ihr das Überleben gesichert hat, gehört jetzt den beiden Idioten. Und die Kinder, stellt euch vor, ihr werdet mitten in einer Schulstunde von eurer Mutter abgeholt, weil ihr kein Zuhause mehr habt. Möglicherweise haben die zwei Idioten damit auch die Schulkarriere ihres Neffen beendet, weil die Schule kostet und ohne Einnahmen keine Schule.
Eigentlich würde ich gerne mit etwas positivem, aufmunterndem aufhören, aber es geht nicht, das Schicksal der Frau ist zu real und sie hat es verdient, dass wir wenigstens mit einem Scheissgefühl im Bauch zurück bleiben, mit der Ohnmacht, nichts tun zu können, gegen ihre Ohnmacht auch nichts tun zu können, sie hat es verdient, dass wir wenigstens mitfühlen und von uns hier im Dorf, hat sie verdient, dass wir alles menschenmögliche unternehmen, damit sie zurück kommen kann.

















