Dreimonatsspritze

Eine Frau kam mit Schnupfen, Kopfschmerzen, Husten, als sie wieder ging hatte sie zum Glück keine Malaria, war Schwanger und ihre Tochter hatte einen Praktikumsplatz und ich die grösste Lust hier in Koutaba Tayindi einen Krankenpfleger zusammen zu schlagen. Das war die Kurzversion. Vor zwei Monaten bekam die Frau von einem Krankenpfleger, der in einem Centre arbeitet und nebenbei privat noch etwas dazu verdient, die Dreimonatsspritze verabreicht, so dachte sie jedenfalls. Sie hat schon sechs Kinder und findet, dass es reicht. Die Dreimonatsspritze darf nicht Schwangeren gespritzt werden, da das Ungeborene sonst ein erhöhtes Risiko für Chromosomendeffekte, mehr Finger oder Zehen als normal und missgebildete Geschlechtsorgane hat. Deshalb spritzt man entweder am Anfang der Menstruation oder, wenn nicht möglich, nach einem negativen Schwangerschaftstest. Der Herr hat weder noch. Irgendwie traute die Frau der Sache in den letzten Tagen nicht mehr und machte einen Schwangerschaftstest, positiv, zwei Tage später noch einen, negativ. Das erzählte sie uns, worauf wir ebenfalls einen Test machten, positiv, ich klärte sie über die Risiken auf, sie war sich aber nicht mehr sicher, ob der Arsch wirklich die Dreimonatsspritze verabreichte, oder ihr einfach irgend etwas gespritzt hatte. Also die Ampulen holen und zeigen, nein, so hat die nicht ausgesehen. Nach ihrer Beschreibung kam Ramatou zum Schluss, der hat ein Antirheumatikum gespritzt. Das ist einfach nur abgrundtief hinterhältig und böse!

Wenn ich die Geschichte schreibe, merke ich, dass mir eigentlich die Worte fehlen, es ist eine Geschichte, die darf gar nicht sein, die kann nicht sein, die Dreimonatsspritze kostet ungefähr siebzig Rappen, plus noch eine Spritze, also wegen dem Geld wird der Typ das nicht gemacht haben, aber warum dann? Ein fundamentalistischer Verhütungsgegner? Einer der einfach eine Spritze verkaufen wollte, egal was?

Die Tochter der Frau wird nächste Woche bei uns als Praktikantin anfangen, sie hat letzten Sommer ihre Grundausbildung abgeschlossen. Die junge Frau, siebzehn Jahre alt, kam sich zusammen mit ihrem Ehemann vorstellen. Sie sah nicht gut aus, ihre Augen waren blutunterlaufen, sie hatte Narben im Gesicht. Mein erster Gedanke war eine misslungene Schönheitsoperation, aber es ist viel schrecklicher. Die junge Frau, Bijou, wurde vor zwei Wochen, als ihr Mann auf der Arbeit war (er ist Buschauffeur), bei sich zu Hause von einer Bande überfallen. Sie wollten sie vergewaltigen, Bijou hat sich gewehrt und geschrien und wurde zum Glück gehört, Nachbarn kamen ihr zu Hilfe und die Bande floh. Ihr Gesicht war dick aufgeschwollen, die Männer haben ihr derart ins Gesicht geschlagen. Bijou und ihr Mann wohnen jetzt bei seinen Eltern, damit sie nicht alleine ist, wenn er arbeiten geht. Es ist sehr sehr schlimm. Ein Überfall und eine versuchte Vergewaltigung ist sehr sehr schlimm, das in deinen eigenen vier Wänden, dort wo du dich eigentlich geborgen und sicher fühlen solltest, macht es noch viel viel schlimmer, jedenfalls für mich. Seit dem Überfall auf Bijou haben sich die Männer in den Quartieren organisiert und patroullieren in der Nacht. Seither ist es ruhig. Aber Bijou ist nicht die Erste, die Opfer dieser Gewalt wurde. Anscheinend macht die Bande das mit System und holt oft aus den umliegenden Dörfern Verstärkung.

Es ist keine schöne Welt in der die Menschen sich hier bewegen müssen. Ich bin froh über meine Eisentüren mit Riegel und die stabil vergitterten Fenster, da kommt nur einer mit Bombe rein.

Dabei hatte der Tag gut angefangen. Der Pflegefachmann und der Arzt vom Militärspital kamen mich besuchen, mit dem Angebot uns jederzeit zu unterstützen. Der Arzt hat mir die Leitlinien des Gesundheitsministeriums zur Behandlung der Malaria mitgebracht. Er sagte auch, falls wir einen Patienten, eine Patientin nicht transportieren können, komme er zu uns, Tag und Nacht. Das ist sehr beruhigend! Dann kam ein Mann mit Typhus und Malaria, der hatte in Eigenregie schon so viele Medikamente ausprobiert, dass er bei einer allfälligen Entsorgung als Sondermüll gilt. Uns blieben kaum Medikamente, die noch helfen könnten. Er hat sich selber Spritzen gemacht und einfach alles quer durch den Chemiegarten ausprobiert. Irgendwie ist das hier ein Volk von Drögelern, und das Schlimme ist, ihre Drogen fahren nicht einmal ein, kein Flash, keine bunten Blumen, Regenbogen, Lachanfälle, nichts, nur Resistenzen.

Flaute

Genau, Flaute. Eine Frau kam um ihre gestrige Behandlung zu bezahlen, das wars. Die Schwangeren verhalten sich ruhig und die anderen kranken wahrscheinlich lieber zu Hause herum, statt durch den dichten Regen in ein Gesundheitszentrum zu waten. Ganz am Anfang, als ich angekommen war, erzählte mir Omar, dass es hier drei Jahreszeiten gibt, die Trockenzeit, die kleine Regenzeit und die grosse Regenzeit. Im Moment ist zwar noch die Saison der kleinen Regenzeit, aber die Grosse steht bereit und funkt schon dazwischen, es regnet immer häufiger und der Boden verwandelt sich mit jedem Tag etwas mehr in eine rutschige, matschige, glungige, rote Sauce. Der Gang zum Markt wird, wie schon einmal beschrieben, zum Eiertanz, mit dem kleinen Unterschied, dass die FlipFlops auf den Eiern kein Vakuum produzieren, aber das ist auch der einzige Unterschied, das Gefühl zwischen den Zehen, wenn du die trockenen Stellen nicht siehst, entspricht exakt dem Gefühl zwischen den Zehen, bei einem misslungenen Eiertanz. Eigentlich würde ich dann am liebsten barfuss laufen, aber alle tragen etwas an den Füssen, die ganz Kleveren Gummistiefel, den Vakuumeffekt habe ich jedoch noch bei niemandem sonst beobachtet, es liegt also entweder an mir oder an meinen hochwertigen Havaianas (das war ein Versuch, vielleicht nach meiner Rückkehr als Influencerin mein Geld zu verdienen).

So sieht Flaute aus.

Der Regen ist neben Todesfällen, Hochzeiten, Familientreffen, Dorfsitzungen und Gebeten ein weiterer Grund, jegliche produktiven Aktivitäten einzustellen. Omar, der es schon fast zu schweizerischer Pünktlichkeit gebracht hat, kommt erst wenn es nicht mehr regnet, eine Verspätung wegen Regen, ist keine Verspätung, es ist eben Inshallah und in dem Moment hat er nicht gewollt. Ich habe ausser mir, auch noch niemanden mit einer Regenjacke gesehen, dicke Daunenjacken, ja, Wollmützen, Schals, aber Regenzeugs, das existiert hier nicht. Die Regenschirme schützen vor der Sonne, bei Regen werden sie selten bis nie eingesetzt.

Ich schreibe hier vom hohen Ross herab, wenn ich nämlich ehrlich bin, habe ich auch keine Lust durch den Regen zu waten, Regenjacke hin oder her, es ist einfach zu viel, zu viel Wasser von oben, zu viel Wasser unten, zu rutschig, zu schmutzig, zu nass, überall Bäche, die den gesamten Müll der Stadt mitführen, eklig. Der Aufwand ist in fast allen Belangen des täglichen Lebens massiv höher als wir es kennen. Das führt dazu, dass für die Arbeit nicht mehr viel Zeit übrig bleibt.

Wenn ein Familienmitglied erkrankt und der Gang in ein Gesundheitszentrum unumgänglich ist, ist das ebenfalls ein Grund, die Arbeit niederzulegen und den Kranken oder die Kranke zu begleiten. Da kommen alle mit, von der Grossmutter, zum Grossvater, über Tanten, Schwestern, Eltern, Brüder, zu Freundinnen und Freunden, Nachbarn und ehemaligen Nachbarn, oder solchen die vielleicht einmal etwas von all dem werden möchten. Da spielt es keine Rolle ob es sich um einen Schnupfen handelt oder um eine lebensbedrohende Situation, es ist ein Moment in dem schwerverdientes Geld ausgegeben wird, da wollen alle etwas davon haben. Und egal wie fest ich staune, ich bleibe die Einzige, es ist normal, man lässt die Kranken nicht alleine, schliesslich ist hier nie jemand alleine, so staune ich über den Wunsch nie alleine zu sein und sie staunen über meinen Wunsch ab und zu alleine zu sein.

Bügle

Ich habe keine Fotos gemacht, ich habe nichts spektakuläres erlebt, ich habe einfach gearbeitet, habe die Medikamentenlieferung von gestern in eine Liste verwandelt, versucht Assana zu erklären wie sie mit der Liste arbeiten kann, auf zehn verschiedene Arten, wahrscheinlich erfolglos, habe Ajara die Arbeit mit der Liste erklärt, auf eine Art, wahrscheinlich erfolgreich, habe Assana, der Hebamme, erklärt was Depo Provera ist (für alle die nicht Hebamme sind, das ist die Dreimonatsspritze), ein Verhütungsmittel, das hier in jedem Gesundheitszentrum auf Familienplanungspostern beworben wird, habe den Jungs den Fussball gegeben, die Medikamente eingeräumt, habe rumgequatscht, war bei einer Frau, die mit Chräueli, Schuhe, Mützen, Schmuck, Etuis und noch mehr macht, war auf dem Markt, aber etwas zu spät, habe auf Omar gewartet, der zum, gefühlt tausensten Mal das Auto flicken liess, habe Spaghetti gekocht, das Echo der Zeit gehört und gegessen.

Ja, das Echo der Zeit. Gestern hat Chrigu mir von einem Beitrag zu Kamerun berichtet, ich ging schauen ob ich ihn hören kann, und siehe da, ich konnte. So habe ich heute Abend, den Postcast von der Sendung von heute angehört und es fühlte sich ein wenig an wie zu Hause. Kurz vergass ich, wo ich bin. Als ich heute vom Markt zurück nach Hause gelaufen bin, versuchte ich mir auf einmal vorzustellen, wie ich mich in Bern bewege, es war sehr weit weg, einfach durch die Stadt laufen, ohne dauernd den Boden und die Umgebung von vorne und von hinten, von beiden Seiten, wenigstens nicht von oben, zu beobachten, ohne dauernd auszuweichen, erschrecken von den vielen Hupen, einfach rumschlendern, ohne dass jemand etwas von dir will, ich kann es mir gar nicht vorstellen, vielleicht komme ich zurück und erleide einen Kulturschock.

Ich habe doch noch eine Foto gemacht.

Der Schafmutter und ihrem Lamm geht es gut hat Omar mir erzählt. Er geht zwischendurch immer wieder nach Hause um zu schauen. Heute will er sie waschen und dann, wenn sie sauber ist, will er versuchen sie zu melken. Ich habe ihm gestern Youtube Filmchen übers Schafe melken geschickt. Mal schauen was dabei herauskommt, im wahrsten Sinne. Die Kinder rennen schneller denn je von der Schule nach Hause um mit den Schafen zu spielen.

Viehmarkt

Am Morgen besuchten wir zuerst die Frau, die ich gesetern ins Militärspital gebracht hatte. Es ging ihr viel besser! Ich bin sehr froh und erleichtert. Dann schauten wir kurz im Centre vorbei um zu sagen, dass ich heute, ausser für Geburten, nicht dort bin. Heute war nämlich Viehmarkt und ich wollte mein Versprechen einlösen. Wie ihr euch vielleicht erinnert, habe ich Omar eine Ziege versprochen. Ich war sehr aufgeregt, ich habe noch nie ein Tier auf einem Viehmarkt gekauft und schon gar nicht auf einem Viehmarkt in Afrika. Auf dem Weg dorthin standen zwei Männer am Strassenrand und machten Autostopp, Omar wollte weiter fahren, aber es waren Bororomänner und ich war sicher, die wollen auf den Viehmarkt. Das war sehr gut, weil die haben uns dann auf dem Viehmarkt beraten und begleitet. Und durch sie entstand auch eine kleine Planänderung, keine Ziege, ein Milchschaf, die geben mehr Milch.

Massenhaft Böhs standen herum, rannten herum, Böhmunis benahmen sich wie die Toros in der Arena und ich packte ab und zu Omar um mich hinter ihm zu verstecken. Ausser mir war niemand vom Gebaren der Stiere beeindruckt, nur ich machte einen grossen Satz, wenn einer gerannt kam, der Rest der Menschen, fast aussschliesslich Bororos, blieb gelassen. Nach dem Marsch durch die Böhmassen, wurden am Rand die Ziegen und Schafherden sichtbar und in einiger Entfernung hatte es noch eine Herde Esel. Die Esel kommen aus dem Norden, Omar glaubt, dass die Esel nicht gerne bei ihnen leben, weil ihnen die Regenzeit zu lang sei und sie dieses Klima nicht gern hätten. Also ich weiss nicht…

Und schon traf ich Bekannte, meine Hausbesuche bei den Bororos machten sich bezahlt, ich war keine Fremde, man kannte mich, das war cool. Dann ging es ans Aussuchen eines Schafes, die Hirten packten eines nach dem anderen an einem Hinterbein und schleiften es zu uns. Preise wurden genannt. Und da, schau Omar, die hat ein Junges, was kosten die Beiden? Omar fand am Gedanken eine Schäfin mit Lamm zu besitzen auch Gefallen, also verhandeln, fünfundreissigtausend, das ist zuviel, fünfundzwanzig, zu wenig, wir einigten uns auf achtundzwanzigtausend (keine sechzig Franken) und kauften statt einer Ziege, eine Schäfin mit Lamm. Nun brauchten wir noch einen Strick und Wurmtabletten, der Viehmarkt ist der grosse Auftritt für den Veterinär, er wollte uns noch Spritzen andrehen, aber ihr kennt ja unsere Philosophie, da machen wir weder bei Menschen, noch bei Schafen oder Ziegen eine Ausnahme und die Bororos waren auch der Meinung, dass eine Wurmkur mit Tabletten völlig ausreicht.

Im hinteren Teil des Marktes, dort wo der Veterinär ist, werden noch Stoffe und Kleider verkauft. Wahrscheinlich bringen die Hirten, nach erfolgreichem Verkauf, ihren Frauen ein Geschenk mit, denn ausser den Verkäuferinnen waren keine Frauen auf dem Markt anzutreffen, das ist anscheinend eine reine Männerangelegenheit. Und schon hiess es, zusammen mit der Schäfin und dem Lamm und einigen Bororos durch die Böhherden zurück zum Auto, der Schafmutter wurden die Beine zusammengebunden und ab in den Kofferraum, neben das Reserverad und das Lamm dazu und der Kofferraumdeckel zu. Wenn es unterwegs rumpelte, rumpelten auch die Schafe, aber ansonsten waren sie sehr ruhig.

In Ngoundoup mussten die beiden Schafe über die Strasse, für die Mutter mit dem Strick, war Omar zuständig, das Lamm klemmte ich unter den Arm und das hat gejammert und zetter mordio geschrien, es ging mir durch Mark und Bein und ich war froh als wir drüben waren und ich das arme Ding wieder zu seiner Mutter auf dem Boden stellen konnte und das Lamm hat seine Schreierei sofort eingestellt und wahrscheinlich auch sofort vergessen. Heute habe ich vielleicht zum ersten Mal in einem Lamm mehr als nur Gigot und Lammkoteletten gesehen und beim nächsten Mal, wenn ich Lamm esse werde ich ein bisschen trauern um das Tier, das so herzerweichend schreien kann.

Als Omar die Schafmutter durchs Quartier zog, kamen alle Kinder herbeigelaufen, es war ein grosses Ereignis, Omars Frau kam und gemeinsam holten er und sie Kraut von Patates, weil das lieben Schafe und Omar zeigte mir wo die Beiden schlafen werden, in der alten Küche und ich erklärte ihm, wie man Heu macht und es war einfach wunderschön! Am liebsten ginge ich nächsten Dienstag einen Esel kaufen und übernächsten ein Böh, so langsam immer etwas grösser.

Behandlungen aus dem Bauch

Eine Frau, in der sechsunddreissigsten Schwangerschaftswoche mit Malaria kam gestern Abend für eine Konsultation. Die Nacht-Pflegehilfe verschrieb ihr ein Chininpräparat. Heute früh kam sie wieder, es ging ihr nicht besser, es ging schlechter. Ich weiss wenig über Malaria und Schwangerschaft, ein Problem, das wir in der Schweiz zum Glück nicht haben, also bin ich angewiesen auf die Erfahrung der Hiesigen, die zeit ihres Berufslebens mit dieser Krankheit konfrontiert sind. So ist es klar, dass ich die Leiterin des Centres frage, ob die Behandlung, die die Pflegehilfe am Vorabend angefangen hatte, der Praxis entspricht. Sie bejahte, vehement. Am Morgen nahm die schwangere Frau ihre zweite Dosis der Medikation, aber es besserte nicht, sie hatte zusätzlich zu den Malariasymptomen auch noch Wehen. Ich fragte wieder, ob das die Therapie der Wahl sei, ja und nein, vielleicht wäre ein anderes Mittel besser gewesen, aber man könne jetzt nicht das andere Mittel… fünfzehn Minuten später, das andere Mittel könnte man trotzdem… wieder etwas später, sie hätte nie das Chinin gegeben, das sei ein grosser Fehler von der Pflegehilfe, das sei richtig dumm,- warum hast du am Morgen nichts gesagt, du bist die Verantwortliche für die medizinischen Entscheidungen, ich habe dich extra noch gefragt – die Pflegehilfe hat die Verordnung gemacht, ich habe sie nur ausgeführt – du bist nicht angestellt um die Verordnungen der Pflegehilfen auszuführen, verdammte Scheisse, du bist hier um deren Fehler zu verhindern oder dann zumindest zu korrigieren – ich habe dann gegoogelt, die Packungsbeilage des Medikamentes, die Dosierung war extrem viel zu tief. Inzwischen war das Kind gestresst und sein Herz schlug viel zu schnell. Wir haben die Frau ins Militärspital verlegt, ich habe sie begleitet und es war sehr peinlich, dem Pflegefachmann dort, Samuel, unsere stümperhafte Behandlung zu rapportieren. Ausserdem hatte das Paar natürlich kein Geld, so dass ich auch noch für die Behandlung aufkommen musste, aber irgendwie war das Ehrensache.

Ich war so wütend und gleichzeitig auch wütend auf mich, ich hatte eigentlich gewusst, dass sie keine Ahnung hat, warum vertraue ich ihr noch? Es ist noch einmal gut ausgegangen, aber wir brauchen eine neue Ordnung im Centre, Madame Assana kann man für diese Verantwortung nicht brauchen. Ich überlegte mir, wie es möglich ist, mit diesem Hintergrund, im Regionalspital über viele Jahre als Hebamme zu bestehen, bis mir ein Licht aufging, Regionalspital, das grösste für vier Departemente, Ärzte und Ärztinnen während vierundzwanzig Stunden, dort führen die Hebammen nur aus, dort verordnen, dort verschreiben sie nichts, darum weiss sie nichts. Eine Konsequenz wird ein neues Papier sein, wie behandle ich die Malaria bei einer schwangeren Frau. Ich lerne sehr viel! Nach diesen wenigen Wochen, werde ich mich mit Malaria und Typhus auskennen, und schon jetzt, weiss ich oft mehr als die Spezialistinnen hier. Somit sind wir wieder beim Thema Ausbildung angelangt. Hier muss die Entwicklungshilfe ansetzen! Ich bin mir sicher, dass eine gute, fundierte Ausbildung Einfluss auf das gesammte Gesundheitssystem hätte, denn wer kompetent ist in seinem Beruf, der beziehungsweise die bringt den Berufsstolz mit in ihren Arbeitsalltag und gibt sich nicht mit stümperhafter Arbeit zufrieden.

Zum Abschluss noch die Geschichte, wie ging es weiter mit unserem dicken Freund, dem Chef du District de la Santé in Foumban. Omar war heute wieder einmal dort und legte ihm das Dossier auf seinen Schreibtisch. Der, ach so liebe, kompetente, in keiner Form korrupte, Chef de District de la Santé nahm das Dossier und blätterte es gemächlich durch, kontrollierte jedes Dokument und hielt Ausschau nach einem Couvert und zwar nach einem besonderen Couvert, einem Luftpostumschlag, denn die signalisieren eine grosse Motivation, aber, dumm gelaufen, da war kein Luftpostumschlag, tja, dann halt wieder die alte Leier, das CSI steht zu nahe. Die Geschichte beschwor bei mir die Erinnerung an ein Spiel herauf, Kuhhandel, bei einigen von euch sicher bekannt, für die anderen kurz, es geht darum Tiere zu kaufen und zwar ein Quartett von jeder Sorte, um sich gegenseitig die Tiere abzukaufen geht man einen Kuhhandel ein, das heisst, man bezahlt bedeckt, ein Stapel Geld, ohne dass der mutmassliche Verkäufer, beziehungsweise mutmassliche Käufer weiss wie viel im Stapel ist. So ist es bei diesen Couverts, die nimmt man, ohne zu wissen wieviel drinn ist. Also warum eigentlich nicht einen schönen Luftpostumschlag gefüllt mit dummen Sprüchen, weissem Papier, Fotos von korrupten Politikern ins Dossier legen? Hinterher kann er sich nämlich nicht beschweren, weil sonst muss er zugeben, dass er korrupt ist und seine Unterschrift auf der Eingangsquittung bei der nächsthöheren Instanz wieder zurück fordern. Gut, er könnte sagen, er habe k.o. Tropfen bekommen. Aber so ein Gruss wie „liebe Grüsse von der Antikorruptionsbehörde“ in seinem Umschlag wäre schon schön.

Muskelkater

War das eine Nacht! Die Ameisen haben meine Ohren effizient malträtiert, jedes Mal wenn ich mich auf die Seite drehte und das mache ich eigentlich immer, ich bin nämlich eine Seitenschläferin und keine Rückenschläferin, wachte ich wieder auf, weil meine Ohren schmerzten und ich legte mich wieder auf den Rücken und konnte fast nicht einschlafen, bis es endlich gelang und ich mich wahrscheinlich, jedenfalls gefühlt,schon nach einer Sekunde wieder auf die Seite drehte und die Ohren, naja, und so weiter. So ging das bis in die extrem frühen Morgenstunden, dann kam ich auf die Idee, auf mein Kopfkissen zu verzichten und siehe da, die Ohren berührten den Untergrund nicht mehr und ich konnte endlich schlafen. Nicht lange. Beim Aufstehen dann die zweite Quittung meines gestrigen Ausflugs, Muskelkater, wie ich ihn schon ewig nicht mehr gehabt hatte, nicht einmal als wir von der Alp Morgeten nach Weissenburg hinabgestiegen sind und Chrigu danach kaum noch gehen konnte, nein, nicht einmal da musste ich derart leiden.

Um den Kater zu behandeln, beschloss ich vom Centre nach Koutaba zurück zu Fuss zurück zu gehen, sechseinhalb Kilometer. Es war ein sehr schöner Spaziergang, sehr ruhig, durch eine Landschaft in Grün, so viel, so prall, um darin zu Ertrinken, keine Ameisen, die mich attackierten, keine Pfützen über die ich hüpfen musste, kleinere Wege, grössere Wege, hohes Gras, keine Herausforderungen. So konnte ich meine Gedanken laufen lassen und alle Eindrücke einsaugen. Meine Gedanken landen immer wieder bei der bevorstehenden ersten Geburt im Centre, werde ich es schaffen, die erwarten alle Grosses von mir, sie wollen alle dabei sein, was ist wenn ich versage, wenn die Geburt anders verläuft als sie sich das vorstellen? Es sind wieder Schwangere gekommen um das Gebärzimmer anzuschauen, aber immer noch keine Frau mit Geburtswehen. Am Freitag vor unserer Eröffnung haben im Quartier drei Frauen geboren, sie konnten nicht warten. Vor den Gebärenden habe ich kein mulmiges Gefühl, sogar wenn ich auf einmal hektisch würde, bin ich sicher, dass das Geburtserlebnis für sie immer noch besser sein wird als in den anderen Centres.

Unsere Praktikantin, Fatimatou.

Das Centre läuft, es gibt fast immer etwas zu tun. Zwar werden wir noch nicht überrannt von Kundinnen und Kunden, aber sie tröpfeln stetig. Um nicht zu provozieren, haben wir die grosse Affiche über der Schaukel noch nicht entblösst (das heisst, sie ist verhüllt), von da her sind wir noch ein Geheimtipp, aber dafür läuft schon recht viel. Die Art wie wir arbeiten, kommt bei den Leuten gut an, sie schätzen es, dass wir uns Zeit für sie nehmen und sie pflegen und nicht nur behandeln. Das ist hier extrem nicht üblich. Für die Pflege ist die Familie zuständig und zwar gibt es fixe Zeiten, zu denen sie ihre Kranken pflegen dürfen, sollen.

Noch ein kurzer Exkurs zu meiner Maus. Das elende Vieh lässt nicht locker, jedesmal, wenn wir denken, dass alle Ritzen verschlossen sind, findet sie eine neue Ritze. Die Türe zwischen der Küche und dem Wohnzimmer habe ich mit einem zusammengerollten Teppich abgedichtet, diesen Teppich verarbeitet sie zu Nestmaterial und baut mit unendlicher Geduld hinten im Gefrierschrank ein Nest, das Omar regelmässig wieder zerstört. Das scheint sie jedoch nicht zu stören, sie fängt einfach wieder von vorne an.

Ameisen

Ich warte wieder einmal. Wobei, diesmal trifft niemand eine Schuld, nicht die Menschen hier, nicht Kamerun und auch nicht Afrika, nicht einmal der Chef de District de la Santé, auch ich bin unschuldig. Ich warte auf die erste Geburt. Schwangere sind schon ein paar vorbei gekommen, aber noch keine Gebärende. Sie wird kommen, da bin ich sicher und dann, dann muss ich zeigen was ich drauf habe, ich habe Lampenfieber! Heute kamen keine Kinder, dafür zwei ältere Semester, die wir aber beide ins Spital schicken mussten. Die einen kamen mit einer alten Frau von Foumbot (ca. 15km) weil ihnen das Centre so gut gefallen hat. Die Frau hatte schlimme Bauchschmerzen und Blut im Stuhl, die brauchte ein Spital und zwar ein Regionalspital, also mussten sie den ganzen Weg wieder zurück fahren und noch weit auf die andere Seite von Foumbot nach Baffousam, aber trotz des Ärgernisses, in die falsche Richtung losgefahren zu sein (mit dem Bus) dankten sie uns für unsere kompetente Auskunft. Ramatou und ich dachten beide, dass die Frau wahrscheinlich Krebs im Bauch hat.

Schreinerarbeiten vor unserem Haus.

Da es im Centre ansonsten sehr ruhig war, beschloss ich, endlich in den grossen Wald zu gehen. Was für eine Scheissidee! Und seien wir ganz ehrlich, so viel Sturheit und Dummheit kann ein einzelner Mensch eigentlich gar nicht in sich vereinigen, mir ist es gelungen. Alles fing gut an, ich wanderte durch Maisfelder, Peperonifelder, andere Felder und Grupplifelder, der Weg war gut, ich traf viele Leute, die vom Feld zurück gingen, der Weg wurde etwas schmaler, ich traf kaum noch Leute, je weiter weg die Felder von den Häusern, desto schmaler der Weg. Dann wurde der Weg nass und nässer und verwandelte sich immer mehr in ein Bächlein mit stehendem Wasser, da konnte ich nicht mehr durch, also musste eine neue Methode zum Einsatz kommen. Zwischen den Maisstauden waren Furchen, die standen unter Wasser, aber die Maisstauden selbst standen trocken, also hüpfen und der Wald, der war irgendwie ganz nahe, und ich hüpfte, mal ging es gut, mal landete ich im Morast in der Furche, und ich hüpfte und hüpfte und hüpfte und war schon ziemlich erschöpft und die Sonne schien und der Mais spendete keinen Schatten und der Wald rückte näher, umkehren war keine Option, ich wollte in den Wald (Sturheit), hätte ich doch Gummistiefel gekauft (Dummheit), hätte ich doch besser nach dem Weg gefragt (noch grössere Dummheit). Die Furchen wurden mit jedem Überspringen breiter, das Wasser höher, aber der Wald kam auch näher.

Hier ohne Wasser, dafür mit Grupplis.

Dann endlich, der letzte Sprung, an den Waldrand, und der Wald, war auch voll Wasser, aber das wird doch irgenwie gehen, weiter drinnen wird es doch kein Wasser mehr haben, dort hat es Affen, aber sicher nicht Wasser, hier kann ich ja von Wurzel zu Wurzel hüpfen. Gedacht, begonnen. Doch kaum war ich auf den Wurzeln, war ich voll schwarzer kleiner Viecher, so klein wie Punkte und meine Haut fing Feuer. Einzige Rettung, sofortige Flucht. Und wieder hüpfte ich von Maishügel zu Maishügel und landete immer öfter im Morast und es brannte und brannte, vor allem die Stirn, der Nacken und am schlimmsten die Ohren. Und ich hätte schreien können und keiner hätte mich gehört und die Rega wäre nicht gekommen und ich habe die Affen immer noch nicht gesehen und ich gehe wohl in Zukunft besser in den Zoo. Total erschöpft kam ich zurück ins Centre und nahm eine Dusche um das Brennen zu mildern und putzte meine Ohren mit Alkohol um sie zu kühlen und erfuhr, dass die schwarzen Punkte Ameisen sind und ja, jetzt wo ihr es sagt, genau so fühlt es sich an, nur viel viel intensiver. Jetzt habe ich übrigens von der Hüpferei auch noch Muskelkater bekommen und zweifle ernsthaft an meiner Intelligenz. Und doch, ich werde den verdammten Wald noch erobern, aber vielleicht nicht alleine.

Kinderspital

Kinder, Kinder, Kinder … Malaria, Malaria, Malaria … so sah auch der heutige Tag aus. Wadenwickel machen, Wasser einflössen, trösten, wieder Wadenwickel machen und noch einmal Wasser geben. Seit wir angefangen haben zu arbeiten, waren die meisten unserer Kundinnen und Kunden Kinder. Alle mit hohem Fieber, fast alle mit Malaria und noch einige mit Typhus. Alle sind noch klein, die Ältesten vielleicht sieben Jahre alt, apathisch vom hohen Fieber, verängstigt und bei der Blutentnahme schreien sie wie am Spiess, sie tun mir leid! Warum nur Kinder gebracht werden, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich werden alle ab einem bestimmten Alter mit Marktstandmitteln behandelt, anders kann ich es mir nicht erklären, bei den kleineren Kindern haben die Eltern wohl mehr Respekt vor der Krankheit.

Jetzt können wir übrigens die Kinder wegräumen. Wir haben ein Laufgitterbett erhalten, ein grobes Teil, das aus Bambus zusammengesteckt ist. Es ist super, denn so können die Kleinen viel weniger Mist bauen.

Mein Kampf um eine professionelle Haltung, insbesondere auch beim Verschreiben von Medikamenten, geht weiter. Heute hat eine Mitarbeiterin, einem Mann mit Erektionsproblemen ein Antibiotikum und ein Medikament gegen einen erhöhten Cholesterinspiegel verschrieben, für besseren Sex. Als ich es gemerkt hatte, war sie schon nach Hause gegangen, die anderen schauten mich lang an und fragten, ob denn Erektionsprobleme anders behandelt werden. Also Männer, for good sex, Antibiotika mit Sortis (das Cholesterinmittel), obwohl, liebe Männer, in der Packungsbeilage von Sortis steht nichts zu verbesserter Erektion, dafür gehört Impotenz zu den, zwar seltenen, Nebenwirkungen. Eine schöne Geschichte, um euch zu zeigen, dass es wirklich sehr schlimm ist und mein Kampf nicht nur eine meiner Launen ist!

Auch die Grossen können weggeräumt werden!

Die Medikamente sind nicht die einzige Baustelle. Bürokratie! Da denken wir, dass wir in der Schweiz in Bürokratie ersaufen, egal wohin wir kommen, beklagen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die grossen Papierberge, über die Schreibberge. Aber ehrlich, das ist überhaupt nichts, verglichen mit der Schreibarbeit hier. Alles wird hundert Mal aufgeschrieben, in diesem Carnet, in jenem Register und als ob das noch nicht genug wäre, noch auf Notizzetteln, die dann nicht mehr gefunden werden. Also, Assana hat heute acht Patientinnen und Patienten empfangen, für sie gibt das pro Patientin, pro Patient etwa eine Stunde Schreibarbeit und das, nachdem Rafiatou schon einen Grossteil erledigt hat, das heisst, bei einem Arbeitstag von acht Stunden bleibt gar keine Zeit mehr, mit diesen Menschen zu sprechen, geschweige denn, sie zu untersuchen, was wiederum heisst, dass sie nie pünktlich aus dem Haus gehen kann. Ihr kennt mich, ich bin keine Geschwindigkeitskanone und ich verfüge über viel Geduld, aber wenn ich daneben sitze und zuschaue, wie sie schreibt und schreibt, dann schlafe ich entweder ein, oder ich drehe durch. Dazwischen gibt es nichts. Wenn ich den Papierkrieg verkleinern möchte, erklären sie mir, dass man das genau so machen muss und es unmöglich sei, etwas zu ändern. Da sie mit Schrift keine Menschen vergiften, nehme ich mich in dieser Hinsicht zurück, aber etwas mehr Effizienz wäre trotzdem wünschenswert. Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn wir auf einmal mehr Patientinnen haben.

Malaria hier Palu

Heute waren vier Kinder mit Malaria im Centre. Es ist wirklich eine Scheisskrankheit. Wenn die Kinder kommen, geht es ihnen meist sehr schlecht. Üblicherweise bekommen sie dann eine Infusion mit Paracetamol (Dafalgan) und dann noch eine Infusion mit Malariamittel. Ja, und dann kommt diese fanatische Schweizerin und macht Wadenwickel, kocht Tee mit Zucker, Bouille (weisser Mais, auch mit Zucker) und päppelt die Kinder auf, bis sie essen können und verabreicht das Malariamittel durch den Mund und es wirkt und die Frauen sind ein wenig traurig, dass es wirkt, sie hätten eigentlich so gerne eine Infusion gesteckt. Die Mütter sind zuerst etwas skeptisch, auch sie denken, dass eine Spritze besser wäre, aber wenn sie sehen, dass sich jemand um ihre Kinder kümmert, sich Zeit nimmt sie zu pflegen, zuverlässig das Fieber kontrolliert, die kühlen Wickel wechselt, neuen Tee anschleppt und es schafft, dass ihre Kinder etwas essen, dann fangen sie an zu vertrauen und alles wird gut. Ob dies beim Personal gelingen wird, ich hoffe, denn die Hoffnung … ihr kennt den Spruch … auf jeden Fall haben wir nach wie vor keine Medikamente zum Spritzen und ich versuche die Frauen zu überzeugen, dass das so bleibt. Der Hauptgrund für meine fundamentalistische Haltung ist, dass ich wenig Vertrauen in die medizinischen Fähigkeiten und die Professionalität der Frauen habe. Ich finde es schlicht und einfach zu gefährlich, wenn ein bunter Haufen Laienmedizinerinnen mit Spritzen um sich wirft.

Heute haben sie versucht über Omar zu spritzbaren Medikamenten zu kommen, hinter meinem Rücken, aber sie haben Pech gehabt, Omar steht hinter mir. Der Versuch hat ihnen einen langen Vortrag von Omar eingebracht, unter anderem untermauert von einer selbsterlebten Geschichte, ihm wurde ein Medikament, das in den Muskel gespritzt werden sollte, intravenös verabreicht, was zu einer halbjährigen Venenentzündung führte, mit grossen Schmerzen. Die Angst, dass die Patientinnen und Patienten ausbleiben wenn sie keine Spritzen bekommen, ist riesig. Aber ich glaube nicht daran. Vielleicht werden nicht alle kommen, aber wir hätten auch keinen Platz für alle.

Am frühen Nachmittag geht die grosse Beterei los, eine Frau nach der anderen benutzt den Gebetsteppich, wir haben nur einen, und für mehr als zwei Stunden ist eine am Beten. Um mehr Ruhe zu haben, kam dann die Idee auf, fürs Beten das Gebärzimmer zu benutzen, was wieder einmal mich auf den Plan rief – und wenn eine Frau mit Presswehen kommt? soll sie dann klemmen bis ausgebetet ist? -. Die Religion ist schon sehr präsent. Obwohl sicher in keiner Weise vergleichbar mit anderen Gegenden, ist es doch eindrücklich, wie sie den Alltag aller, ob eher streng gläubig oder weltoffen, modern gläubig, bestimmt. Der Unterschied liegt höchstens in der Auslegung der Schriften, aber die Leute sind alle gläubig. Auch der Ramadan wird von allen eingehalten, oder wenn nicht, dann derart unterlaufen, dass es niemand merkt.

Wir haben zwei neue Tische bekommen. Bis jetzt war es immer so, dass wenn du bei einem Handwerker etwas bestellt hast, bekamst du die Zusage für morgen oder übermorgen und die Ware, wenn du Glück hattest, nach ein, zwei Monaten. Nicht bei den Tischen. Omar hat sie vorgestern bestellt und heute wurden sie geliefert, gestern hat er sich beim Schreiner gemeldet und ihm seine Hilfe angeboten, das Angebot wurde abgelehnt, da hat sich Omar halt vor der Werkstatt hingesetzt und den Bau der Tische überwacht und angefeuert. Das hat geklappt! Wir sind nämlich seit gestern stolze Besitzerinnen eines Druckers und der bekam heute seinen Tisch und die Frauen bekamen eine Einführung ins kopieren und fanden das sehr cool.

Ausser mit spritzbaren Medikamenten, sind wir jetzt top eingerichtet, es kann also kommen was will, wir können es händeln.

Die Frau

Omar war gestern noch in der Chefferie wegen der Frau, die aus ihrem Haus gejagt worden war. Er ist, wie wir alle, tief erschüttert. Der Dorfchef wird, beziehungsweise muss, denn seine Frauen haben getobt, die beiden Brüder zurechtweisen und auffordern, die Frau wieder zurück zu holen. Omar sagte mir, dass der Dorfchef sie nach dem Gebet um 13:00 holen will, ob das geschehen ist und was dabei herausgekommen ist, weiss ich leider nicht, da ich heute etwas früher gegangen bin und bis dahin noch keine Informationen zu uns gelangt waren. Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Im Centre war heute Morgen um 06:00 eine Frau mit Wehen eingetreten. Sie wird ihr drittes Kind bekommen. Aber sie ist erst in der 35igsten Schwangerschaftswoche und wenn das Kind heute geboren würde, wäre es eine Frühgeburt. Ein Umstand, den die guten Mitarbeiterinnen im Centre nicht zur Kenntnis genommen hatten. Auch der Blutdruck (12/10), ein Wert der nicht mit Leben zu vereinbaren ist, wurde von der Chefin ohne Fragezeichen ins Carnet eingetragen. Da fragt man sich dann schon ein wenig, wie es gelungen ist, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken. Nach einer ausgiebigen warmen Dusche, einer Prozedur, die die Frau mit kindlicher Freude genoss, beruhigten sich die Wehen und sie konnte, ausgerüstet mit Ratschlägen, wieder nach Hause gehen.

Wie schon geschrieben, ich bin heute früher gegangen, ich war nämlich mit Zenabou auf dem Markt um Stoff zu kaufen. Heute ist Mittwoch, wie schon oft erwähnt, der Markttag, und wie es sich gehört, waren auch die toten, getrockneten, flachen Ratten dort, diesmal in einem Kessel, und auch wie es sich gehört, habe ich einen klitze kleinen Satz gemacht, als ich die elenden flachen Dinger wahrnahm, und wie es sich überhaupt nicht gehört, hat der Kessel mit den toten, flachen, getrockneten Ratten einfach den Platz gewechselt und stand tatsächlich noch einmal vor mir und ich machte ein weiteres Sätzchen. Aber es ging um Stoff. Stoff kaufen ist einerseits etwas sehr lustvolles, man staunt, schaut, wählt, vergleicht, berührt und stellt sich vor, andererseits ist Stoff kaufen in Koutaba auf dem Markt etwas sehr anstrengendes, man wird gezogen, genötigt, muss anfassen, muss schauen und fühlt sich dauernd genötigt, die Lust vergeht und bis jetzt, habe ich meine Versuche Stoff zu kaufen schnell wieder aufgegeben. Deshalb kam heute Zenabou ins Spiel. Mit ihr waren die Frauen weit weniger aufdringlich, mit ihr wussten sie, dass kein Extraverdienst drinnliegt. Ich wurde zwar immer noch gezogen und genötigt, aber doch in einem Ausmass, das erträglich war und die Lust am Stoff kaufen nicht verderben konnte. Und ich habe Stoff gekauft, achtzehn Meter und nicht den, auf dem Bild unten., sondern drei andere.

Ramadan, ich habe also vorgestern und gestern, wie es sich gehört, fast Ramadan gemacht, fast, weil am Morgen da war ich etwas, ein kleines bisschen, zu spät mit meinem Frühstück, aber am Abend da war ich perfekt pünktlich. Heute fand ich, dass der Ramadan überschätzt wird und als mir Rafiatou ein Sanwich mit Schoggi und Butter anbot, war ich sicher, dass ich keinen Ramadan mache. Und päng, nach teilweise genüsslichem Verzehr, die Schoggiqualität ist fern unserer Geschmacksnerven, die Butter auch, rannte ich mit Darmkrämpfen aufs Klo und fragte mich, ist das ein Zeichen? Und ich kam zum Schluss, ja, es ist ein Zeichen. Ein Zeichen für die schlechte Qualität von Schockolade und/oder Butter hier. Und so werde ich weiterhin nach Lust und Laune ramadanen, aber ohne Schoggi-Butter-Sandwich.