Flaute

Genau, Flaute. Eine Frau kam um ihre gestrige Behandlung zu bezahlen, das wars. Die Schwangeren verhalten sich ruhig und die anderen kranken wahrscheinlich lieber zu Hause herum, statt durch den dichten Regen in ein Gesundheitszentrum zu waten. Ganz am Anfang, als ich angekommen war, erzählte mir Omar, dass es hier drei Jahreszeiten gibt, die Trockenzeit, die kleine Regenzeit und die grosse Regenzeit. Im Moment ist zwar noch die Saison der kleinen Regenzeit, aber die Grosse steht bereit und funkt schon dazwischen, es regnet immer häufiger und der Boden verwandelt sich mit jedem Tag etwas mehr in eine rutschige, matschige, glungige, rote Sauce. Der Gang zum Markt wird, wie schon einmal beschrieben, zum Eiertanz, mit dem kleinen Unterschied, dass die FlipFlops auf den Eiern kein Vakuum produzieren, aber das ist auch der einzige Unterschied, das Gefühl zwischen den Zehen, wenn du die trockenen Stellen nicht siehst, entspricht exakt dem Gefühl zwischen den Zehen, bei einem misslungenen Eiertanz. Eigentlich würde ich dann am liebsten barfuss laufen, aber alle tragen etwas an den Füssen, die ganz Kleveren Gummistiefel, den Vakuumeffekt habe ich jedoch noch bei niemandem sonst beobachtet, es liegt also entweder an mir oder an meinen hochwertigen Havaianas (das war ein Versuch, vielleicht nach meiner Rückkehr als Influencerin mein Geld zu verdienen).

So sieht Flaute aus.

Der Regen ist neben Todesfällen, Hochzeiten, Familientreffen, Dorfsitzungen und Gebeten ein weiterer Grund, jegliche produktiven Aktivitäten einzustellen. Omar, der es schon fast zu schweizerischer Pünktlichkeit gebracht hat, kommt erst wenn es nicht mehr regnet, eine Verspätung wegen Regen, ist keine Verspätung, es ist eben Inshallah und in dem Moment hat er nicht gewollt. Ich habe ausser mir, auch noch niemanden mit einer Regenjacke gesehen, dicke Daunenjacken, ja, Wollmützen, Schals, aber Regenzeugs, das existiert hier nicht. Die Regenschirme schützen vor der Sonne, bei Regen werden sie selten bis nie eingesetzt.

Ich schreibe hier vom hohen Ross herab, wenn ich nämlich ehrlich bin, habe ich auch keine Lust durch den Regen zu waten, Regenjacke hin oder her, es ist einfach zu viel, zu viel Wasser von oben, zu viel Wasser unten, zu rutschig, zu schmutzig, zu nass, überall Bäche, die den gesamten Müll der Stadt mitführen, eklig. Der Aufwand ist in fast allen Belangen des täglichen Lebens massiv höher als wir es kennen. Das führt dazu, dass für die Arbeit nicht mehr viel Zeit übrig bleibt.

Wenn ein Familienmitglied erkrankt und der Gang in ein Gesundheitszentrum unumgänglich ist, ist das ebenfalls ein Grund, die Arbeit niederzulegen und den Kranken oder die Kranke zu begleiten. Da kommen alle mit, von der Grossmutter, zum Grossvater, über Tanten, Schwestern, Eltern, Brüder, zu Freundinnen und Freunden, Nachbarn und ehemaligen Nachbarn, oder solchen die vielleicht einmal etwas von all dem werden möchten. Da spielt es keine Rolle ob es sich um einen Schnupfen handelt oder um eine lebensbedrohende Situation, es ist ein Moment in dem schwerverdientes Geld ausgegeben wird, da wollen alle etwas davon haben. Und egal wie fest ich staune, ich bleibe die Einzige, es ist normal, man lässt die Kranken nicht alleine, schliesslich ist hier nie jemand alleine, so staune ich über den Wunsch nie alleine zu sein und sie staunen über meinen Wunsch ab und zu alleine zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert