Eine Frau kam mit Schnupfen, Kopfschmerzen, Husten, als sie wieder ging hatte sie zum Glück keine Malaria, war Schwanger und ihre Tochter hatte einen Praktikumsplatz und ich die grösste Lust hier in Koutaba Tayindi einen Krankenpfleger zusammen zu schlagen. Das war die Kurzversion. Vor zwei Monaten bekam die Frau von einem Krankenpfleger, der in einem Centre arbeitet und nebenbei privat noch etwas dazu verdient, die Dreimonatsspritze verabreicht, so dachte sie jedenfalls. Sie hat schon sechs Kinder und findet, dass es reicht. Die Dreimonatsspritze darf nicht Schwangeren gespritzt werden, da das Ungeborene sonst ein erhöhtes Risiko für Chromosomendeffekte, mehr Finger oder Zehen als normal und missgebildete Geschlechtsorgane hat. Deshalb spritzt man entweder am Anfang der Menstruation oder, wenn nicht möglich, nach einem negativen Schwangerschaftstest. Der Herr hat weder noch. Irgendwie traute die Frau der Sache in den letzten Tagen nicht mehr und machte einen Schwangerschaftstest, positiv, zwei Tage später noch einen, negativ. Das erzählte sie uns, worauf wir ebenfalls einen Test machten, positiv, ich klärte sie über die Risiken auf, sie war sich aber nicht mehr sicher, ob der Arsch wirklich die Dreimonatsspritze verabreichte, oder ihr einfach irgend etwas gespritzt hatte. Also die Ampulen holen und zeigen, nein, so hat die nicht ausgesehen. Nach ihrer Beschreibung kam Ramatou zum Schluss, der hat ein Antirheumatikum gespritzt. Das ist einfach nur abgrundtief hinterhältig und böse!

Wenn ich die Geschichte schreibe, merke ich, dass mir eigentlich die Worte fehlen, es ist eine Geschichte, die darf gar nicht sein, die kann nicht sein, die Dreimonatsspritze kostet ungefähr siebzig Rappen, plus noch eine Spritze, also wegen dem Geld wird der Typ das nicht gemacht haben, aber warum dann? Ein fundamentalistischer Verhütungsgegner? Einer der einfach eine Spritze verkaufen wollte, egal was?
Die Tochter der Frau wird nächste Woche bei uns als Praktikantin anfangen, sie hat letzten Sommer ihre Grundausbildung abgeschlossen. Die junge Frau, siebzehn Jahre alt, kam sich zusammen mit ihrem Ehemann vorstellen. Sie sah nicht gut aus, ihre Augen waren blutunterlaufen, sie hatte Narben im Gesicht. Mein erster Gedanke war eine misslungene Schönheitsoperation, aber es ist viel schrecklicher. Die junge Frau, Bijou, wurde vor zwei Wochen, als ihr Mann auf der Arbeit war (er ist Buschauffeur), bei sich zu Hause von einer Bande überfallen. Sie wollten sie vergewaltigen, Bijou hat sich gewehrt und geschrien und wurde zum Glück gehört, Nachbarn kamen ihr zu Hilfe und die Bande floh. Ihr Gesicht war dick aufgeschwollen, die Männer haben ihr derart ins Gesicht geschlagen. Bijou und ihr Mann wohnen jetzt bei seinen Eltern, damit sie nicht alleine ist, wenn er arbeiten geht. Es ist sehr sehr schlimm. Ein Überfall und eine versuchte Vergewaltigung ist sehr sehr schlimm, das in deinen eigenen vier Wänden, dort wo du dich eigentlich geborgen und sicher fühlen solltest, macht es noch viel viel schlimmer, jedenfalls für mich. Seit dem Überfall auf Bijou haben sich die Männer in den Quartieren organisiert und patroullieren in der Nacht. Seither ist es ruhig. Aber Bijou ist nicht die Erste, die Opfer dieser Gewalt wurde. Anscheinend macht die Bande das mit System und holt oft aus den umliegenden Dörfern Verstärkung.

Es ist keine schöne Welt in der die Menschen sich hier bewegen müssen. Ich bin froh über meine Eisentüren mit Riegel und die stabil vergitterten Fenster, da kommt nur einer mit Bombe rein.
Dabei hatte der Tag gut angefangen. Der Pflegefachmann und der Arzt vom Militärspital kamen mich besuchen, mit dem Angebot uns jederzeit zu unterstützen. Der Arzt hat mir die Leitlinien des Gesundheitsministeriums zur Behandlung der Malaria mitgebracht. Er sagte auch, falls wir einen Patienten, eine Patientin nicht transportieren können, komme er zu uns, Tag und Nacht. Das ist sehr beruhigend! Dann kam ein Mann mit Typhus und Malaria, der hatte in Eigenregie schon so viele Medikamente ausprobiert, dass er bei einer allfälligen Entsorgung als Sondermüll gilt. Uns blieben kaum Medikamente, die noch helfen könnten. Er hat sich selber Spritzen gemacht und einfach alles quer durch den Chemiegarten ausprobiert. Irgendwie ist das hier ein Volk von Drögelern, und das Schlimme ist, ihre Drogen fahren nicht einmal ein, kein Flash, keine bunten Blumen, Regenbogen, Lachanfälle, nichts, nur Resistenzen.