Ameisen

Ich warte wieder einmal. Wobei, diesmal trifft niemand eine Schuld, nicht die Menschen hier, nicht Kamerun und auch nicht Afrika, nicht einmal der Chef de District de la Santé, auch ich bin unschuldig. Ich warte auf die erste Geburt. Schwangere sind schon ein paar vorbei gekommen, aber noch keine Gebärende. Sie wird kommen, da bin ich sicher und dann, dann muss ich zeigen was ich drauf habe, ich habe Lampenfieber! Heute kamen keine Kinder, dafür zwei ältere Semester, die wir aber beide ins Spital schicken mussten. Die einen kamen mit einer alten Frau von Foumbot (ca. 15km) weil ihnen das Centre so gut gefallen hat. Die Frau hatte schlimme Bauchschmerzen und Blut im Stuhl, die brauchte ein Spital und zwar ein Regionalspital, also mussten sie den ganzen Weg wieder zurück fahren und noch weit auf die andere Seite von Foumbot nach Baffousam, aber trotz des Ärgernisses, in die falsche Richtung losgefahren zu sein (mit dem Bus) dankten sie uns für unsere kompetente Auskunft. Ramatou und ich dachten beide, dass die Frau wahrscheinlich Krebs im Bauch hat.

Schreinerarbeiten vor unserem Haus.

Da es im Centre ansonsten sehr ruhig war, beschloss ich, endlich in den grossen Wald zu gehen. Was für eine Scheissidee! Und seien wir ganz ehrlich, so viel Sturheit und Dummheit kann ein einzelner Mensch eigentlich gar nicht in sich vereinigen, mir ist es gelungen. Alles fing gut an, ich wanderte durch Maisfelder, Peperonifelder, andere Felder und Grupplifelder, der Weg war gut, ich traf viele Leute, die vom Feld zurück gingen, der Weg wurde etwas schmaler, ich traf kaum noch Leute, je weiter weg die Felder von den Häusern, desto schmaler der Weg. Dann wurde der Weg nass und nässer und verwandelte sich immer mehr in ein Bächlein mit stehendem Wasser, da konnte ich nicht mehr durch, also musste eine neue Methode zum Einsatz kommen. Zwischen den Maisstauden waren Furchen, die standen unter Wasser, aber die Maisstauden selbst standen trocken, also hüpfen und der Wald, der war irgendwie ganz nahe, und ich hüpfte, mal ging es gut, mal landete ich im Morast in der Furche, und ich hüpfte und hüpfte und hüpfte und war schon ziemlich erschöpft und die Sonne schien und der Mais spendete keinen Schatten und der Wald rückte näher, umkehren war keine Option, ich wollte in den Wald (Sturheit), hätte ich doch Gummistiefel gekauft (Dummheit), hätte ich doch besser nach dem Weg gefragt (noch grössere Dummheit). Die Furchen wurden mit jedem Überspringen breiter, das Wasser höher, aber der Wald kam auch näher.

Hier ohne Wasser, dafür mit Grupplis.

Dann endlich, der letzte Sprung, an den Waldrand, und der Wald, war auch voll Wasser, aber das wird doch irgenwie gehen, weiter drinnen wird es doch kein Wasser mehr haben, dort hat es Affen, aber sicher nicht Wasser, hier kann ich ja von Wurzel zu Wurzel hüpfen. Gedacht, begonnen. Doch kaum war ich auf den Wurzeln, war ich voll schwarzer kleiner Viecher, so klein wie Punkte und meine Haut fing Feuer. Einzige Rettung, sofortige Flucht. Und wieder hüpfte ich von Maishügel zu Maishügel und landete immer öfter im Morast und es brannte und brannte, vor allem die Stirn, der Nacken und am schlimmsten die Ohren. Und ich hätte schreien können und keiner hätte mich gehört und die Rega wäre nicht gekommen und ich habe die Affen immer noch nicht gesehen und ich gehe wohl in Zukunft besser in den Zoo. Total erschöpft kam ich zurück ins Centre und nahm eine Dusche um das Brennen zu mildern und putzte meine Ohren mit Alkohol um sie zu kühlen und erfuhr, dass die schwarzen Punkte Ameisen sind und ja, jetzt wo ihr es sagt, genau so fühlt es sich an, nur viel viel intensiver. Jetzt habe ich übrigens von der Hüpferei auch noch Muskelkater bekommen und zweifle ernsthaft an meiner Intelligenz. Und doch, ich werde den verdammten Wald noch erobern, aber vielleicht nicht alleine.

Kinderspital

Kinder, Kinder, Kinder … Malaria, Malaria, Malaria … so sah auch der heutige Tag aus. Wadenwickel machen, Wasser einflössen, trösten, wieder Wadenwickel machen und noch einmal Wasser geben. Seit wir angefangen haben zu arbeiten, waren die meisten unserer Kundinnen und Kunden Kinder. Alle mit hohem Fieber, fast alle mit Malaria und noch einige mit Typhus. Alle sind noch klein, die Ältesten vielleicht sieben Jahre alt, apathisch vom hohen Fieber, verängstigt und bei der Blutentnahme schreien sie wie am Spiess, sie tun mir leid! Warum nur Kinder gebracht werden, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich werden alle ab einem bestimmten Alter mit Marktstandmitteln behandelt, anders kann ich es mir nicht erklären, bei den kleineren Kindern haben die Eltern wohl mehr Respekt vor der Krankheit.

Jetzt können wir übrigens die Kinder wegräumen. Wir haben ein Laufgitterbett erhalten, ein grobes Teil, das aus Bambus zusammengesteckt ist. Es ist super, denn so können die Kleinen viel weniger Mist bauen.

Mein Kampf um eine professionelle Haltung, insbesondere auch beim Verschreiben von Medikamenten, geht weiter. Heute hat eine Mitarbeiterin, einem Mann mit Erektionsproblemen ein Antibiotikum und ein Medikament gegen einen erhöhten Cholesterinspiegel verschrieben, für besseren Sex. Als ich es gemerkt hatte, war sie schon nach Hause gegangen, die anderen schauten mich lang an und fragten, ob denn Erektionsprobleme anders behandelt werden. Also Männer, for good sex, Antibiotika mit Sortis (das Cholesterinmittel), obwohl, liebe Männer, in der Packungsbeilage von Sortis steht nichts zu verbesserter Erektion, dafür gehört Impotenz zu den, zwar seltenen, Nebenwirkungen. Eine schöne Geschichte, um euch zu zeigen, dass es wirklich sehr schlimm ist und mein Kampf nicht nur eine meiner Launen ist!

Auch die Grossen können weggeräumt werden!

Die Medikamente sind nicht die einzige Baustelle. Bürokratie! Da denken wir, dass wir in der Schweiz in Bürokratie ersaufen, egal wohin wir kommen, beklagen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die grossen Papierberge, über die Schreibberge. Aber ehrlich, das ist überhaupt nichts, verglichen mit der Schreibarbeit hier. Alles wird hundert Mal aufgeschrieben, in diesem Carnet, in jenem Register und als ob das noch nicht genug wäre, noch auf Notizzetteln, die dann nicht mehr gefunden werden. Also, Assana hat heute acht Patientinnen und Patienten empfangen, für sie gibt das pro Patientin, pro Patient etwa eine Stunde Schreibarbeit und das, nachdem Rafiatou schon einen Grossteil erledigt hat, das heisst, bei einem Arbeitstag von acht Stunden bleibt gar keine Zeit mehr, mit diesen Menschen zu sprechen, geschweige denn, sie zu untersuchen, was wiederum heisst, dass sie nie pünktlich aus dem Haus gehen kann. Ihr kennt mich, ich bin keine Geschwindigkeitskanone und ich verfüge über viel Geduld, aber wenn ich daneben sitze und zuschaue, wie sie schreibt und schreibt, dann schlafe ich entweder ein, oder ich drehe durch. Dazwischen gibt es nichts. Wenn ich den Papierkrieg verkleinern möchte, erklären sie mir, dass man das genau so machen muss und es unmöglich sei, etwas zu ändern. Da sie mit Schrift keine Menschen vergiften, nehme ich mich in dieser Hinsicht zurück, aber etwas mehr Effizienz wäre trotzdem wünschenswert. Ich wage gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn wir auf einmal mehr Patientinnen haben.

Malaria hier Palu

Heute waren vier Kinder mit Malaria im Centre. Es ist wirklich eine Scheisskrankheit. Wenn die Kinder kommen, geht es ihnen meist sehr schlecht. Üblicherweise bekommen sie dann eine Infusion mit Paracetamol (Dafalgan) und dann noch eine Infusion mit Malariamittel. Ja, und dann kommt diese fanatische Schweizerin und macht Wadenwickel, kocht Tee mit Zucker, Bouille (weisser Mais, auch mit Zucker) und päppelt die Kinder auf, bis sie essen können und verabreicht das Malariamittel durch den Mund und es wirkt und die Frauen sind ein wenig traurig, dass es wirkt, sie hätten eigentlich so gerne eine Infusion gesteckt. Die Mütter sind zuerst etwas skeptisch, auch sie denken, dass eine Spritze besser wäre, aber wenn sie sehen, dass sich jemand um ihre Kinder kümmert, sich Zeit nimmt sie zu pflegen, zuverlässig das Fieber kontrolliert, die kühlen Wickel wechselt, neuen Tee anschleppt und es schafft, dass ihre Kinder etwas essen, dann fangen sie an zu vertrauen und alles wird gut. Ob dies beim Personal gelingen wird, ich hoffe, denn die Hoffnung … ihr kennt den Spruch … auf jeden Fall haben wir nach wie vor keine Medikamente zum Spritzen und ich versuche die Frauen zu überzeugen, dass das so bleibt. Der Hauptgrund für meine fundamentalistische Haltung ist, dass ich wenig Vertrauen in die medizinischen Fähigkeiten und die Professionalität der Frauen habe. Ich finde es schlicht und einfach zu gefährlich, wenn ein bunter Haufen Laienmedizinerinnen mit Spritzen um sich wirft.

Heute haben sie versucht über Omar zu spritzbaren Medikamenten zu kommen, hinter meinem Rücken, aber sie haben Pech gehabt, Omar steht hinter mir. Der Versuch hat ihnen einen langen Vortrag von Omar eingebracht, unter anderem untermauert von einer selbsterlebten Geschichte, ihm wurde ein Medikament, das in den Muskel gespritzt werden sollte, intravenös verabreicht, was zu einer halbjährigen Venenentzündung führte, mit grossen Schmerzen. Die Angst, dass die Patientinnen und Patienten ausbleiben wenn sie keine Spritzen bekommen, ist riesig. Aber ich glaube nicht daran. Vielleicht werden nicht alle kommen, aber wir hätten auch keinen Platz für alle.

Am frühen Nachmittag geht die grosse Beterei los, eine Frau nach der anderen benutzt den Gebetsteppich, wir haben nur einen, und für mehr als zwei Stunden ist eine am Beten. Um mehr Ruhe zu haben, kam dann die Idee auf, fürs Beten das Gebärzimmer zu benutzen, was wieder einmal mich auf den Plan rief – und wenn eine Frau mit Presswehen kommt? soll sie dann klemmen bis ausgebetet ist? -. Die Religion ist schon sehr präsent. Obwohl sicher in keiner Weise vergleichbar mit anderen Gegenden, ist es doch eindrücklich, wie sie den Alltag aller, ob eher streng gläubig oder weltoffen, modern gläubig, bestimmt. Der Unterschied liegt höchstens in der Auslegung der Schriften, aber die Leute sind alle gläubig. Auch der Ramadan wird von allen eingehalten, oder wenn nicht, dann derart unterlaufen, dass es niemand merkt.

Wir haben zwei neue Tische bekommen. Bis jetzt war es immer so, dass wenn du bei einem Handwerker etwas bestellt hast, bekamst du die Zusage für morgen oder übermorgen und die Ware, wenn du Glück hattest, nach ein, zwei Monaten. Nicht bei den Tischen. Omar hat sie vorgestern bestellt und heute wurden sie geliefert, gestern hat er sich beim Schreiner gemeldet und ihm seine Hilfe angeboten, das Angebot wurde abgelehnt, da hat sich Omar halt vor der Werkstatt hingesetzt und den Bau der Tische überwacht und angefeuert. Das hat geklappt! Wir sind nämlich seit gestern stolze Besitzerinnen eines Druckers und der bekam heute seinen Tisch und die Frauen bekamen eine Einführung ins kopieren und fanden das sehr cool.

Ausser mit spritzbaren Medikamenten, sind wir jetzt top eingerichtet, es kann also kommen was will, wir können es händeln.

Die Frau

Omar war gestern noch in der Chefferie wegen der Frau, die aus ihrem Haus gejagt worden war. Er ist, wie wir alle, tief erschüttert. Der Dorfchef wird, beziehungsweise muss, denn seine Frauen haben getobt, die beiden Brüder zurechtweisen und auffordern, die Frau wieder zurück zu holen. Omar sagte mir, dass der Dorfchef sie nach dem Gebet um 13:00 holen will, ob das geschehen ist und was dabei herausgekommen ist, weiss ich leider nicht, da ich heute etwas früher gegangen bin und bis dahin noch keine Informationen zu uns gelangt waren. Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Im Centre war heute Morgen um 06:00 eine Frau mit Wehen eingetreten. Sie wird ihr drittes Kind bekommen. Aber sie ist erst in der 35igsten Schwangerschaftswoche und wenn das Kind heute geboren würde, wäre es eine Frühgeburt. Ein Umstand, den die guten Mitarbeiterinnen im Centre nicht zur Kenntnis genommen hatten. Auch der Blutdruck (12/10), ein Wert der nicht mit Leben zu vereinbaren ist, wurde von der Chefin ohne Fragezeichen ins Carnet eingetragen. Da fragt man sich dann schon ein wenig, wie es gelungen ist, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu senken. Nach einer ausgiebigen warmen Dusche, einer Prozedur, die die Frau mit kindlicher Freude genoss, beruhigten sich die Wehen und sie konnte, ausgerüstet mit Ratschlägen, wieder nach Hause gehen.

Wie schon geschrieben, ich bin heute früher gegangen, ich war nämlich mit Zenabou auf dem Markt um Stoff zu kaufen. Heute ist Mittwoch, wie schon oft erwähnt, der Markttag, und wie es sich gehört, waren auch die toten, getrockneten, flachen Ratten dort, diesmal in einem Kessel, und auch wie es sich gehört, habe ich einen klitze kleinen Satz gemacht, als ich die elenden flachen Dinger wahrnahm, und wie es sich überhaupt nicht gehört, hat der Kessel mit den toten, flachen, getrockneten Ratten einfach den Platz gewechselt und stand tatsächlich noch einmal vor mir und ich machte ein weiteres Sätzchen. Aber es ging um Stoff. Stoff kaufen ist einerseits etwas sehr lustvolles, man staunt, schaut, wählt, vergleicht, berührt und stellt sich vor, andererseits ist Stoff kaufen in Koutaba auf dem Markt etwas sehr anstrengendes, man wird gezogen, genötigt, muss anfassen, muss schauen und fühlt sich dauernd genötigt, die Lust vergeht und bis jetzt, habe ich meine Versuche Stoff zu kaufen schnell wieder aufgegeben. Deshalb kam heute Zenabou ins Spiel. Mit ihr waren die Frauen weit weniger aufdringlich, mit ihr wussten sie, dass kein Extraverdienst drinnliegt. Ich wurde zwar immer noch gezogen und genötigt, aber doch in einem Ausmass, das erträglich war und die Lust am Stoff kaufen nicht verderben konnte. Und ich habe Stoff gekauft, achtzehn Meter und nicht den, auf dem Bild unten., sondern drei andere.

Ramadan, ich habe also vorgestern und gestern, wie es sich gehört, fast Ramadan gemacht, fast, weil am Morgen da war ich etwas, ein kleines bisschen, zu spät mit meinem Frühstück, aber am Abend da war ich perfekt pünktlich. Heute fand ich, dass der Ramadan überschätzt wird und als mir Rafiatou ein Sanwich mit Schoggi und Butter anbot, war ich sicher, dass ich keinen Ramadan mache. Und päng, nach teilweise genüsslichem Verzehr, die Schoggiqualität ist fern unserer Geschmacksnerven, die Butter auch, rannte ich mit Darmkrämpfen aufs Klo und fragte mich, ist das ein Zeichen? Und ich kam zum Schluss, ja, es ist ein Zeichen. Ein Zeichen für die schlechte Qualität von Schockolade und/oder Butter hier. Und so werde ich weiterhin nach Lust und Laune ramadanen, aber ohne Schoggi-Butter-Sandwich.

Die Schwangeren

Heute kam nur ein neuer Patient. Der Sohn von Omar hatte seit gestern Kopfschmerzen. Wir konnten ihn mit viel Wasser, einer Brioche und einem Stofftier heilen.

Ansonsten war Flaute. Aber, und das fand ich super, es kamen viele Frauen, darunter einige Schwangere, die das Geburtszimmer besichtigen wollten. Als sie das Lindenhofgebärbett sahen, waren sie etwas ratlos, wohin mit den Beinen, wie kann man auf so etwas gebären, das sieht ganz anders aus, überhaupt nicht wie es soll. Das war der Moment für eine kleine Demonstration und eine kurze Geburtsinformation. Das war so richtig nach meinem Geschmack und auch die Frauen haben es geschätzt. Hier sind die Schwangerschaftskontrollen in den meisten Centres am Donnerstag, so wie es aussieht, werden wir am Donnerstag einige Kontrollen haben. Ich freue mich!

Erklärung, warum der Geburtsweg des Kindes hier nach oben führt. (Foto leider unscharf)

Dann war heute noch ein Ereignis, das bei mir und auch bei allen anderen Anwesenden Entsetzen hervor gerufen hat. Neben dem Centre wohnt(e) eine Frau mit ihren Kindern. Sie ist verwittwet und muss selber für sich und ihre drei noch zu Hause lebenden Kinder sorgen. Das klappt mehr schlecht als recht. Einige wenige aus dem Dorf greifen ihr ab und zu unter die Arme. Nun ist die Frau wieder schwanger. Da sie nicht von ihrem Mann schwanger ist, was ja nicht möglich ist, da er nicht mehr lebt, haben die Brüder von ihrem verstorbenen Mann sie heute mit Sack, Pack und Kindern aus dem Haus verjagt. Ihren Sohn musste sie aus der Schule holen. Die Kinder und die Frau haben geweint, wir haben die Männer ausgeschimpft, aber es hat nichts genutzt. Ich informierte Omar und Omar informierte den Dorfchef und der schickte einen Unterdorfchef um die Männer zur Vernunft zu bringen, aber bis das organisiert war, war die Frau schon weg. Das Haus wird nun leer stehen, irgend eine idiotische Tradition hat diese Tat ausgelöst. Omar will sich dafür einsetzen, dass die Frau zurück kehren kann. Ich hoffe, dass er es schafft!

Entsetzlich ist das! Ausserdem ist Ramadan, der heiligste Monat im Jahr, in einer Religion, die sich um ihre Mitmenschen kümmern will, die Nächstenliebe propagiert. Omars Kommentar, – das sind Hypocrite – also Heuchler, es gebe viele, die dauernd zum Gebet rennen und innen einfach nur böse sind. Und die Geschichte zeigt auch, wie abhängig die Frauen von ihren Männern sind, sogar über deren Tod hinaus. Und statt ihr zu helfen, jagt die Verwandtschaft sie aus dem Haus, das ihrem Mann gehört hat und nicht seinen Brüdern. Ich kann es nicht fassen, es ist einfach nur schlimm! Sie musste zurück zu ihren Eltern, denn eine Frau lebt entweder bei ihren Eltern, dann ist der Vater der Boss, oder sie lebt bei ihrem Mannn, dann ist er der Boss.

Ein Teil der Gebärzimmerbesichtigerinnen.

Was gut war, dass das Entsetzen nicht nur mich ergriffen hat, keine der Frauen war der Ansicht, dass diese Tat mit irgendwelchen Traditionen zu rechtfertigen sei, im Gegenteil, sie litten mit der Frau, im Gegensatz zu mir, wussten sie genau, was auf diese Frau zukommt, denn sie wird auch bei ihrer Familie nicht willkommen sein. Und sie hat nicht nur ihr zu Hause verloren, auch ihr Feld, das sie bestellt hat, das sie gepflegt hat, das ihr das Überleben gesichert hat, gehört jetzt den beiden Idioten. Und die Kinder, stellt euch vor, ihr werdet mitten in einer Schulstunde von eurer Mutter abgeholt, weil ihr kein Zuhause mehr habt. Möglicherweise haben die zwei Idioten damit auch die Schulkarriere ihres Neffen beendet, weil die Schule kostet und ohne Einnahmen keine Schule.

Eigentlich würde ich gerne mit etwas positivem, aufmunterndem aufhören, aber es geht nicht, das Schicksal der Frau ist zu real und sie hat es verdient, dass wir wenigstens mit einem Scheissgefühl im Bauch zurück bleiben, mit der Ohnmacht, nichts tun zu können, gegen ihre Ohnmacht auch nichts tun zu können, sie hat es verdient, dass wir wenigstens mitfühlen und von uns hier im Dorf, hat sie verdient, dass wir alles menschenmögliche unternehmen, damit sie zurück kommen kann.

Start

Drei Kinder, zwei Erwachsene, die Krankheiten, Malaria mit oder ohne Typhus, Typhus mit oder ohne Malaria. Tönt vielleicht nicht nach viel Arbeit, aber ich bin nudlefertig. Es war kein Sprung ins kalte Wasser, aber kühl war es schon. Anstrengend ist es, weil die Frauen wirklich sehr anders arbeiten, als wir miteinander besprochen haben. Dass man Kinder informiert, was mit ihnen passiert, dass man Kinder, die Angst vor einer Blutentnahme haben mit anschreien nicht ruhiger bringt, sondern das Gegenteil erreicht, dass man Fieber auch mit Wadenwickeln senken kann, dass es meist keine Infusionen oder Spritzen braucht, sondern Tabletten ebenso gut helfen, dass die Dosis eines Medikamentes abhängig von Alter und Gewicht der Patientin, des Patienten bemessen wird, dass die Händedesinfektion wirklich wichtig ist und auch sonst die Hygiene zur Verhinderung der Ausbreitung der Krankheiten eingesetzt werden kann, all dies haben wir diskutiert, besprochen, doch nun, in der Realität, ist nichts mehr da. Das hiess für mich, mit der Desinfektionsflasche rumrennen, mit dem Besen, dauernd nachfragen, wurde dies, wurde das geputzt, desinfiziert, Kinder beruhigen, Behandlungen überprüfen, Packungsbeilagen (die von Swissmedics, wir haben ja keine) lesen, sensibilisieren, erklären, kämpfen, schauen dass Trinkwasser zubereitet wird, dass die Becher abgewaschen werden und nicht gleichzeitig Kinder mit Typhus und Kinder ohne Typhus aus den gleichen Bechern trinken, dass im Spitalzimmer nicht gegessen wird, dass die Kranken Ruhe brauchen und ihr Raum nicht zum Dorftreff verkommt, … deshalb bin ich jetzt nudlefertig.

Unsere ersten Patienten.

Also kurz, ich bin zwar nudlefertig, aber auch sehr glücklich. Wir sind gesprungen und es hat sich gelohnt! Und bis jetzt ist auch noch niemand gekommen um uns zu schliessen. Aber es wird eine harte Zeit. Ich bin Hebamme und ich kümmere mich um Typhus und Malaria. Was ich weiss ist, beide Krankheiten muss man mit Medikamenten behandeln. Was ich auch weiss ist, dass hier alle immer Spritzen wollen und Spritzen geben wollen, dass Fieber sofort verschwinden muss und dass eine Krankheit in erster Linie mit Chemie behandelt wird und dass Pflege eine extrem untergeordnete Rolle spielt. Wenn also dann alle nach einer Spritze schreien und ich für orale Behandlungen plädiere und das mit meinem doch ziemlich miesen Hintergrund im Wissen um diese Krankheiten und ich nicht sicher bin, ob ich den Frauen Unrecht tue, wenn ich das Gefühl habe, trotzdem mehr als sie zu wissen, dann bin ich schon ziemlich verunsichert und trotzdem hinzustehen und meine Sicht zu verteidigen braucht viel Kraft.

Der zweite Patient.

Aber alles in allem haben wir uns gut geschlagen. Die Leute waren zufrieden und Unsicherheiten, weil es eben keine Spritzen gab, konnten wir aus dem Weg räumen. Bis zum Abend schafften es die Mütter, für jedes Kind einen eigenen Becher zu nehmen und diese wieder abzuwaschen. Ein kleiner Erfolg im Bereich Hygiene!

Letzte Vorbereitungen

Heute waren Omar und ich im Spital von Foumbot und haben Medikamente, Infusionen und Material eingekauft. Und das hat einfach funktioniert! Unglaublich! Die einzige Frage lautete, ob wir wissen wie einnehmen, quer durch den Antibiotika-, Malaria-, Wurm-, Schmerz- und sonstige Medikamentengarten, und man wird nur gefragt, ob man weiss wie einnehemen. Ob wir sie auch bekommen hätten, wenn wir die Frage verneint hätten? Vielleicht hätten sie uns geraten die Packungsbeilage zu lesen, wobei, das geht gar nicht, denn wir haben weder Verpackungen noch Packungsbeilagen bekommen, nur die splitternackten Medikamente.

Da das Auto zur Abwechslung wieder einmal in Panne ist (Obwohl ursprünglich aus Frankreich, hat es sich Afrika sehr gut angepasst), sind wir mit dem Töff nach Foumbot gefahren. Auf dem Rückweg waren wir dann mit dem ganzen Spitalzeug und Essen für unsere kleine (nur die Frauen, Omar und ich und Moussah, der noch dazu gestossen ist) Eröffnungsfeier ziemlich vollgeladen. Aber das ist gar nichts. Ich bin jedesmal aufs Neue baff, was alles auf einem Töff transportiert werden kann. Fünf Säcke Zement, der Fahrer sitzt dann auf dem Tank, Schränke, Ziegen, ganze Familien mit drei Kindern (in polygamen Haushalten funktioniert das dann aber nicht mehr), Hühner, Eisenstangen, die hinterher geschleift werden, das gleiche mit Holz, eigentlich habe ich bis heute, ausser Böhs, ziemlich alles auf den Motos gesehen. Schlimm finde ich es, wenn der Fahrer einen Helm trägt und die Kinder keinen, das kleinste meist vorne auf dem Tank. Etwas ketzerisch frage ich mich dann, ob der Mann davon ausgeht, dass er im Notfall einfach neue Kinder zeugt.

Das letzte Mahl, für einen Monat, bei Licht.

Morgen früh um acht Uhr, morgen, morgen, morgen eröffnen wir. Was das heisst? Ehrlich? Keine Ahnung! Wir ziehen unsere schöne Arbeitskluft an und schauen was passiert. Ob ich nervös bin? Ja! Ich komme mir vor, wie wenn ich morgen in einem Theater auf der Bühne stehen soll. Aber wahrscheinlich wird morgen die Post noch nicht abgehen, Omar hat am Freitagsgebet die Bevölkerung informiert, er meinte, dass sicher viele kommen werden um zu schauen, aber ob wir schon richtige Patientinnen und Patienten haben werden, wird sich zeigen.

Unsere Eröffnung fällt mit dem Beginn des Ramadans zusammen. Da ich im Centre nur mit Musliminnen zusammen arbeite, werde ich die einzige sein, die essen darf. Wie das wohl sein wird? Ich habe auf jeden Fall beschlossen, dass ich am Morgen frühstücke bevor ich zur Arbeit gehe, sonst klappe ich zusammen, falls ich dann nicht zu fest auffallen will, und wenn ich zusammenklappe, dann falle ich umsomehr auf, wobei, falls keine Patientinnen kommen, dann wäre ich wenigstens eine und das Positive, ich könnte am eigenen Leib erleben, was die Frauen mit mir machen würden. Aber vielleicht doch ein ausgiebiges Frühstück, ich habe mir heute Avocados geholt, die sind sehr nahrhaft und sättigen gut. Grundsätzlich kann ich mir vorstellen, dass ich mich ernährungstechnisch anpasse, aber trinktechnisch, nein. Ich werde trinken, es geht gar nicht anders, ich schwitze, wenn es so düppig ist, und düppig ist es fast immer wenn es nicht regnet, von morgens bis abends, da muss dann wieder etwas rein in mich, etwas Flüssiges (nein, kein Bier, Wasser).

Unser Labor.

Wie ihr seht (stimmt nicht, hört, auch nicht, lest…), ich habe mich von meinem Koller erholt. The Show Must Go On! Und schon wieder sind wir im Showbusiness, dehalb bin ich nervös, klarer Fall! Die Erwartungen sind hoch, die Menschen wollen etwas Anderes, etwas Neues. Ob wir das wirklich bieten können? Dass wir noch keine pralle Apotheke besitzen ist schon einmal positiv. Das heisst, dass wir uns auf Alternativen konzentrieren müssen, etwas anderes bieten als alle, sowohl die Patientinnen und Patienten, als auch die Mitarbeiterinnen gewohnt sind und das wiederum heisst, dass ich im Gebiet, das ich kenne, genau diese Alternativen aufzeigen kann. Darauf freue ich mich, das macht mir aber auch Angst.

Kamerunkoller

Also wenn ich jetzt ganz ehrlich bin, ich möchte jetzt zu Hause sein, jetzt grad, sofort, auch keine Rückreise, einfach mit Chrigu und dem Ponyhof (das ist eine Abteilung im ASTRA) Nero di Sepia und Artischocken Spaghetti essen, etwas Weisswein säufeln, Berndeutsch rumalbern und dann in mein Bett liegen, nach einer Dusche mit Wasser und erst noch warm. Aber das geht halt nicht. Heute in vier Wochen, dann bin ich dort und dann esse ich Nero di Sepia, müde von der Reise, denn ohne komme ich nicht zurück, Chrigu kann nicht beamen und ich kenne auch sonst niemand, der oder die es kann und als Versuchskaninchen möchte ich auch nicht herhalten, wer weiss wie ich dann wieder zusammengesetzt werde.

Es ist wirklich ein wenig zum durchdrehen! Wenn ich denke, es klappt, Omar und ich sind ein Team, dann lässt er mich wieder sitzen, vertröstet mich, wenn ich Glück habe, per WhatsApp Stunde um Stunde. Wenn ich dann raste, finde das sei keine Teamarbeit, dann findet er ok, oder ich solle mich beruhigen, oder ich sähe nur meine Seite, er sei den ganzen Tag im Namen des Centres unterwegs, was genau, erfahre ich dann aber nicht und das ist dann für ihn im Team arbeiten.

Man kommt nicht vom Fleck hier, immer wirst du angelächelt und auf später vertröstet. Ich habe schon erwartet, dass die Leute hier anders funktionieren als wir, aber es ist schon sehr anders.

Die Busstation von Koutaba.

Ein ausgiebiger Spaziergang, eigentlich hätte ich keine Zeit dafür, aber ohne fahbaren Untersatz ist es schwierig, zuerst vierzig Kilometer in den Norden zu fahren, um die Medikamentenliste zu holen und dann vierzig Kilometer in den Süden zu fahren, um die Medikamente zu holen (die erste Medikamentenlieferung müssen wir über ein anderes Centre machen, da wir keine Bewilligung haben), darum, ein ausgiebiger Spaziergang, Wut und Frust im Stechschritt in den Boden stampfen, in Selbstgesprächen alle ins Pfefferland wünschen, übrigens der falsche Wunsch, sie sind schon da, Kamerun ist bekannt für seinen weissen Pfeffer. Nach dem Spaziergang hatte ich mich ein wenig beruhigt, ich kann noch nicht nach Hause, ich habe den Frauen im Centre versprochen, dass ich ihnen helfe, die zählen auf mich und ausserdem habe ich noch nasse Wäsche, die kann ich so nicht einpacken.

Noch vor Redaktionsschluss ist Omar aufgetaucht. Wir haben uns gefetzt und wieder vertragen. Es ist schon so, dass unsere Welten oft auseinander klaffen, er findet es respektlos mich um Hilfe zu bitten und ich finde es respektlos nicht zusammen zu arbeiten, schwierig. Aber anscheinend braucht es von meiner Seite immer wieder Verzweiflungsausbrüche, damit wir herausfinden woran es liegt. Es ist sehr anstrengend! Aber ich bleibe, ich versuche weiter mein Bestes zu geben und werde halt noch ein paar Mal ausflippen, aber schlussendlich finden wir einen Weg und zum Glück sind weder Omar noch ich nachtragend. Und morgen Punkt acht Uhr fahren Omar und ich nach Foumbot und organisieren dort im Spital, was wir brauchen. Zum Glück herrscht hier Automedikation, so bekommen wir so ziemlich alles, was unser Herz begehrt. Um 14:00 putzen wir dann das Centre noch einmal und räumen die Medikamente ein und am Montag um 08:00 geht es los.

Sherifa

Heute war ein etwas fauler Tag. Aber das macht nichts, muss ja ab und zu auch sein. Ich weiss jetzt, wo man laminieren kann und dass man nur Schwämme, die aus Schaumstoffmatten zugeschnitten werden, aber keine Handtücher ud Waschlappen kaufen kann. Ansonsten habe ich mich intensiv dem Hebammenlehrbuch gewidmet, in Anbetracht der Eröffnung am Montag und war schockiert wie veraltet das Buch ist. Und gleichzeitig war ich beeindruckt, wie viel ich noch weiss.

Gegen abend kam Sherifa, wie immer wenn sie kommt ist sie dann einfach ein wenig da. Sie erwartet nicht grosse Unterhaltung. Das erwartet, beziehungsweise bietet hier niemand. Es ist nicht so, dass du dich auf den Besuch einlassen musst, eine Sitzgelegenheit und wenn du besonders höflich bist, etwas zu trinken, dann kannst du wieder deiner Beschäftigung nachgehen, wenn du nicht wie ich, andere Sitten gelernt hast. Da Medikamente für mich im Moment ein wichtiges Thema sind, unterhielten wir uns darüber. Sherifa nimmt im Schnitt pro Woche etwa zehn Medikamente, sehr regelmässig auch Antibiotika, ohne Arztbesuch, manchmal für einen Tag, manchmal nur eine Tablette, wir hatten Gesprächsstoff. Dann fragte sie mich, wie sie denn ohne Medikamente zu Vitaminen kommen könnte. Ernährung? Während ich mich hier so gesund wie wahrscheinlich noch nie in meinem Erwachsenenleben ernähre, leiden hier sehr viele an Fehlernährung, mit ein Grund für häufige Erkrankungen. Ausser Spargel, Artischocken und Äpfel (die heissen übrigens pomme française) findest du die gesammte Gemüsepalette, die wir auch kennen und noch viel mehr und die Leute essen mehr oder weniger nur Reis mit Sauce, Mais mit Sauce, Maniok mit Sauce, Patatos mit Sauce, Kartoffeln mit Sauce, die Sauce ist aus Grünzeug, Tomaten, Zwiebeln und Fisch und manchmal gibt es auch Sandwich mit Teigwaren und Sauce.

Bac -Prüfung in Sport. Sherifa hat als Beste abgeschlossen.

Das Buch „Wenn es keinen Doktor gibt“ wurde ursprünglich für Südamerika geschrieben und dann für Afrika adaptiert. Es ist ein sehr nützliches Handbuch, sowohl für die Prävention und Sensibilisation, wie auch für den Alltagsgebrauch im Meistern von medizinischen Situationen. Dort drinn gibt es ein Kapitel zu Ernährung und Fehlernährung. Das gab ich Sherifa zum Lesen. Das war dann ziemlich eindrücklich, Sherifa begann zu lesen, halblaut, mit dem Finger folgte sie den Zeilen, Sherifa hat Ende Mai ihre Baccalauréat-Prüfungen (so ähnlich wie die Matur) und sie ist die Beste an der Schule. Was mich wieder zum Nachdenken über die Bildung brachte. Und auch darüber, welches Glück wir haben, wenn ebendiese Bildung in unserer Muttersprache oder in einer Sprache, die wir seit unserer Kleinkindzeit sprechen, stattfindet. Und Sherifa hat dann über eine Stunde gelesen, über Ernährung, über Hygiene und draussen haben sich die Wolken in Wasser aufgelöst und ich habe mit Chrigu telefoniert und Abendessen gekocht, dann kam weniger Wasser von oben und Sherifa ist nach Hause gegangen. Meinem Essen traut sie nämlich nicht, es ist ihr zu exotisch, was der Bauer nicht kennt …

Omar hat heute nach dem Freitagsgebet die Dorfbevölkerung über unsere Eröffnung am Montag informiert. Jetzt müssen sie nur noch kommen.

Und schon wieder, die Maus

Gestern sass ich noch am Computer und arbeitete. Ich weiss nicht warum, aber ich sehe jede Maus, jede Ratte, dafür keine Affen. Die Terassentüre stand offen, meine ganze Aufmerksamkeit war, vermeintlich, auf den Computer gerichtet und da kommt die Maus einfach rein! Mein Schrei hat mich erschrocken und mein Schrei hat auch die Maus erschrocken. Die Maus rannte sofort hinter die Regale und ich war noch viel schneller auf dem Tisch. Da sass ich auf dem Tisch, es war 21:30 und zitterte am ganzen Körper und überlegte fieberhaft und wusste, dass die verdammte Maus auch schon auf dem Tisch war (sie hatte Beweisstücke hinterlassen) und brauchte dringend eine Lösung. Vor allem, meine Zimmertüre stand offen, ich musste unbedingt vor der Maus dort sein (Dänu hat mir ein maussicheres Blech angeschraubt) und die Tür sofort schliessen. Mein Handy und mein Buch lagen mit mir auf dem Tisch. Gut, der Plan, Beides schnappen, viel Lärm machen und sofort ins Zimmer flüchten und die Türe schliessen. Gedacht, getan. Dann sass ich auf dem Bett, immer noch schlotternd und hatte ein neues Problem. Im Wohnzimmer brennt noch das Licht, die Wohnungstüre steht offen und wenn ich mich wage die Türe zu schliessen, dann ist die Maus eingeschlossen, dann ist sie auch am Morgen noch da, dann kann ich nie mehr aus dem Zimmer, dann muss ich mich von Wasser und meinen restlichen Ovo Sport ernähren (nur noch vier Stängel) und wenn ich die Türe offen lasse, dann kann die Maus zwar gehen, aber es ist eine Einladung fürs Nachtvolk von Koutaba. Ihr seht, ich befand mich in einer extrem heiklen Lage, in einem Dilemma. Also, weder die Lösung A, die Türe schliessen, noch die Lösung B, die Türe nicht schliessen, führten zu einem befriedigenden Ausgang, ausserdem wer sagt, dass bei Lösung B die Maus nicht trotzdem bleibt? – die Lösung konnte also weder A noch B heissen, ich brauchte ein C.

  • Guten Abend Omar, schläfst Du schon? Die Maus ist im Wohnzimmer. Sie ist durch die Terassentür reingekommen.
  • Soll ich kommen und sie rausjagen?
  • Peinlich, ja, gerne, ich wäre extrem froh, alle Türen sind offen, ich traue mich nicht…

Zusammen mit Abdullah kam Omar und sie haben die Maus rausgejagt, sie war sehr gross, recht dunkelbraun und hat sich von der Terasse nach unten gestürzt und hat überlebt, denn unten lag keine grosse, tote Maus, weder getrocknet, noch flach. Und ich ging ins Bett, war zugedröhnt mit Adrenalin, ass etwas Schokolade zur Beruhigung und habe dann, etwas spät zwar, aber doch gut geschlafen.

Genau so sah sie aus, nur viel grösser.

Ich hatte eigentlich gedacht, dass meine Angst kleiner ist, mit der theoretischen Maus konnte ich mich irgendwie arrangieren. Aber das echte, nicht theoretische Vieh hat mich eines Besseren belehrt. Von jetzt an schliesse ich bei Dunkelheit die Tür.

Im Centre geht es vorwärts. Wir haben beschlossen, dass wir am Montag eröffnen. Ob legal oder nicht, wissen wir noch nicht, aber ab 08:00 am Montag den 06. Mai 2019 wird das Centre, Inshallah, in Betrieb sein. Die Eröffnungsfeier holen wir nach. Nach all den Schulungen, Diskussionen und Traditionshinterfragungen, ist es wichtig, endlich zu arbeiten und wichtig, dass ich kamerunische Routinen so weit wie möglich verhindere. Es wird nicht einfach werden und wahrscheinlich sehr streng für mich. Aber dafür bin ich ja hergekommen.

Das sind zwei Gebärliegen in einem Centre hier in Koutaba. Die Liege links ist aus Holz, die Frau legt sich so drauf, dass ihr Gesäss über dem Becken liegt, wegen der Sauerei, die beiden Stöcke sind die Beinstützen, dort legt sie ihre Unterschenkel ab. Die Liege rechts sieht zwar ein wenig bequemer aus, hat aber ebenfalls ein Becken eingebaut. Als die Frauen das Lindenhofgebärbett zum ersten Mal sahen, fanden sie es zwar cool, aber das Becken für die Sauerei fehlte ihnen sehr. Und genau hier liegt die grosse Chance, wenn weder die Frau, noch die Hebamme auf die kamerunischen Folterliegen zurückgreifen können, besteht die Möglichkeit es anders zu machen.