„Nur“ vierundzwanzig Kinder. Ein Mädchen, Sheriffa, hatte hohes Fieber, es kam mit den anderen Kindern. Seine Mutter war schon auf dem Feld. Sie konnte sich kaum noch auf den Füssen halten, alle waren überzeugt, dass das Kind, sobald die Mutter zurück ist, ins Spital muss und eine Antibiotika-Infusion braucht, alle ausser ich. Kinder haben ab und zu hohes Fieber, wir müssen Sheriffa ausziehen, kühle Wickel machen, schauen dass das Fieber nicht steigt, schauen dass sie trinkt. Ich habe sie ausgezogen, ihr das Fieber gemessen (39°C) und sie mit kühlen Tüchern gewaschen. Ich habe ihr „ds Vreneli vom Guggisbärg“ gesungen, sie gehalten, ihr Wasser und Bouillon eingeflösst, wieder Fieber gemessen, wieder kühl gewaschen, wieder zu Trinken gegeben, sie gehalten, gesungen…

Jedesmal, wenn ich mit dem Fiebermesser kam, glaubte Sheriffa, es sei eine Spritze und fing wie am Spiess an zu schreien. Gegen Mittag fing das Mädchen an zu schwitzen und das Fieber sank. Uff… ich weiss nicht, ob ihr die Situation kennt, ihr seit euch eigentlich sicher in eurem Tun, aber die geballte Überzeugung, dass alles anders ist, dass alles viel schlimmer ist, die euch entgegenkommt, verunsichert, macht Angst. Und wenn ich nicht recht habe? Wenn das Kind tatsächlich etwas ganz schlimmes hat? Deshalb uff, ich war so froh, dass ich richtig reagiert habe. Sheriffa ass von den Teigwaren mit Bolo-Sauce, die ich gekocht hatte und ging dann, zwar immer noch krank, aber doch schon auf dem aufsteigenden Ast, nach Hause.
Dieser Medikamentenglaube, der treibt mich noch… ich weiss auch nicht genau wohin. Yvette hat es mir etwas erklärt. Jahrelang hat man den Leuten hier gepredigt, dass sie sich nicht von ihren Heilern behandeln lassen sollen, dass die Schulmedizin der einzige richtige Weg sei und dass Antibiotikum das Allerheilmittel schlechthin ist. Wenn du dann auf die Idee kommst zu Hausmitteln zu greifen, reagieren die Menschen mit Entsetzen. Dass es noch einen Weg zwischen Krankheitsbeschwörung und Schulmedizin gibt, dass es Hausmmittel gibt, die durchaus sinnvoll sind, heisst, die ganze bisherige Erziehung wieder auf den Kopf zu stellen und von vorne zu beginnen.
Etwas was mich sehr beschäftigt, ist die Reflexion, die Fähigkeit, etwas aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ich glaube (nicht zu verwechseln mit, ich weiss), dass Bildung hier einen zentralen Faktor spielt. Und zwar die Bildung, die das selber Denken unterstützt, nicht die Bildung, die schon für alles und jedes eine Lösung bereit hat. Hier, heisst Bildung das Vorbeten von Weisheiten, die sich irgendwer ausgedacht hat und die niemand hinterfragt. Das übrigens nicht nur bei den Kindern, auch bei den Erwachsenen. Zum Beispiel an den Impftagen, da sitzen die Mütter auf ihren Bänken und Fragen fliegen ihnen entgegen, die sie dann im Chor beantworten müssen. Lauter, noch lauter, ich habe euch nicht gehört. Es ist irgendwie überall gleich, in der Schule, im Militär, in der Kirche, in der Moschee, im Gesundheitszentrum und wahrscheinlich überall wo eine Überzeugung weiter gegeben wird. Zum Glück bin ich flexibler, so kann ich immer wieder versuchen, etwas aus verschiedenen Winkeln zu beleuchten. Wenn Antibiotika-Resistenzen nicht helfen, dann vielleicht die Stärkung des Immunsystems, weniger Gift im Körper, günstigere Behandlungen, und so weiter.

Rafiatou, die Mutter von Caisa war heute auf Hausbesuch, ich habe mich um ihre Tochter gekümmert. Als ich mit Caisa am Rücken weiter gearbeitet habe, ging es nicht lange, bis die Mädchen ihre Stofftiere auf den Rücken banden. Und he, die haben das genau so gemacht wie ihre Mütter! Also auch die Art, wie sie die Stofftiere nach hinten gebracht haben, nicht einfach irgendwie, nein, richtig.



Ich hoffe für die Mädchen, dass das Leben für sie, noch mehr als Kinder auf dem Rücken zu tragen, bereithält.