Ich brauchte ein Ziel, etwas Konkretes, etwas Energie kostendes, etwas um den Sonntag zufrieden, unkrisig zu verbringen. Zusammen mit Google-Maps entschied ich mich für eine Wanderung zum Zisterzienser Kloster Notre Dame. Zum Glück ist bekanntlich der Weg das Ziel und nicht die, von einem Soldaten mit Maschinengewehr bewachte 50er Jahre Anlage.

Der Weg bot mir fast alles was mein Herz begehrt, ausser Affen, obwohl ich jeden Baum bis zur Spitze studiert habe. Böhs sind durch die Brouse gewandert, im Wald haben die Vögel gezwitschert, gesungen, kommuniziert, Schmetterlinge in allen Farben und viel viel grün. Ich habe Avocadobäume gesehen, grösser als unsere Apfelbäume, voll mit Avocados. Ich hatte mir immer etwas zwischen Busch und Palme vorgestellt, das Bild kommt wahrscheinlich von den kümmerlichen, bei uns gezogenen Pflanzen. Dass es richtige Bäume sein könnten, hätte ich nicht gedacht.

Später fand ich den Weg in einen Wald, dort empfing mich eine wunderbare Ruhe. Nur die Vögel und ich, grosse Bäume, die ich mit Sperberaugen abgesucht habe. Erfolglos. Dafür sah ich orange, gelbe und blaue Vögel, was sehr schön war.
Der Wald war flach, keine Hügel, keine Steigung. Aber da war auf einmal eine Art grosses Loch, eine Treppe aus Erde führte hinunter und Pflanzen aus dem botanischen Garten (Gewächshaus) wuchsen dort unten. Soll ich runtersteigen, soll ich nicht? Lebt dort vielleicht ein Medizinmann oder sonst jemand. Logisch, die Neugier hat gewonnen. Die Treppe war glitschig und steil, aber es hat sich gelohnt.


Eine Quelle. Wenn es nicht mitten in Afrika wäre, wenn ich ein trockenes geschütztes Plätzchen gesehen hätte, dann hätte ich dort warten können, vielleicht wären die Affen zum Trinken gekommen, vielleicht auch andere Tiere und vielleicht auch Medizinfrauen. Aber es war alles feucht und klamm.
Etwa fünfzehn Kilometer bin ich heute gelaufen. Es hat sehr gut getan, ich bin über die Felder gegangen, habe mich mit den Frauen bei der Feldarbeit unterhalten, habe auf einem Avocadobaum gelesen und gegessen, habe gestaunt, geschaut und gelauscht. Die Gelassenheit kommt zurück. Morgen stürze ich mich wieder in unser Projekt und wenn mich die Verzweiflung überrollt, wandere ich zur Quelle und lasse die Ruhe wirken.

Vorhin ist jemand vor dem Haus mit seinem Moto gestürzt. Ich lag in der Hängematte, habe den Sturz nicht gesehen, habe nur den Aufprall gehört. Innert weniger als einer Minute standen mindestens fünfzig Menschen um den Verunfallten. Sie kamen von überall angerannt. Zum Glück ist nichts schlimmes passiert. Obwohl er zuerst wie tot auf dem Boden lag, konnte er bald wieder aufstehen und sogar wieder auf sein Moto steigen. Unfälle, Krankheit und der Tod sind hier allgegenwärtig. Omar sagt es sei die Regenzeit, die Saison der Todesfälle. Die Natur explodiert in neuem Leben und die Menschen sterben.
Liebi Susle, schön dass du das Wandern geniesst, damit bist du in Kamerun aber wohl eine ziemliche Kuriosität. Ist aber sicher eine gute Möglichkeit, den Kopf ein wenig von all den Schwierigkeiten, die euch beim Aufbau der Krankenstation im Wege stehen, zu lüften. Und abenteuerlustig warst du ja schon immer!
Ich selbst war heute nicht wandern, das Wetter ist im Moment auch nicht danach. Dafür bin ich lange Zug gefahren. Habe Claudia Bislin in ihrer Reha in Valens (oberhalb von Bad Ragaz) besucht. Sie hatte vor dreienhalb Wochen einen Hirnschlag, war einige Tage in Perpignan im Spital, bevor sie mit der Rega in die Schweiz ins Triemli-Spital transferiert wurde (Pierrot durfte übrigens mitfliegen und eine der beiden Krankenschwestern hat sich hingebungsvoll um ihn gekümmert)! Seit Mittwoch ist sie nun in der Reha, leider ziemlich weit weg. Sie war nach dem Hirnschlag rechts gelähmt, kann nun aber schon ihren rechten Arm wieder etwas bewegen, und sprechen geht eigentlich auch wieder viel besser. Denke, das braucht jetzt ein bisschen Zeit, hoffe aber, sie kann bald auch schon wieder gehen.
Ich wünsche dir viel Kraft und Ausdauer für die Herausforderungen, die euch noch bevorstehen!
Lieber Wali
Ich danke Dir für Deine Wünsche.
Für Claudia hoffe ich auch, dass sie schnell wieder auf die Beine kommt. Ich wünsche ihr ganz ganz fest gute Besserung!
Und Dir wünsche ich besseres Wetter. Muntsch Susle