Schaukeln

Zuerst eine Malariaentwarnung. Das Fieber von Nérisa war nicht Malaria, sondern entweder eine Grippe oder ein Sonnenstich. Unserer, momentan immer noch einzigen, halben Patientin geht es heute schon viel besser. Sie bekam heute, natürlich in unserem Centre, eine Spritze in ihren Allerwertesten, das wiederholen wir noch viermal.

Ansonsten auch heute, Status Quo. Warten. Das heisst, Assana hat ihr Papier, der Laborant hat sich zu spät auf den Weg gemacht und muss morgen noch einmal hin und von Awa hatte ich bis Redaktionsschluss noch keine Neuigkeiten. Kinder sind heute keine gekommen, wie übrigens meistens am Dienstag, keine Ahnung warum. Aber die KiTa ist glaube ich kein wirkliches Bedürfnis, die Kinder kommen, wenn sie Hunger haben und spielen wollen und den Müttern ist es egal. So nutzte ich die Zeit für Sensibilisierung der Pflegekräfte. Und da muss ich schon immer und immer wieder staunen. Das Wissen, das die Frauen haben, ist extrem mies, bei den Pflegehilfen nicht erstaunlich, aber bei einer IDE (wir haben nämlich eine im Team, leider ohne Erfahrung und ausserdem fehlt ihr noch das Diplom), die zuerst ein Jahr Pflegehilfe gelernt hat und dann noch drei Jahre Pflegefachfrau, mit Spezialisierung als Hebamme, da staune ich unendlich über fehlendes Wissen. Die Frauen verordnen Therapien, flicken Verletzte zusammen und leiten Geburten, sie machen viel, viel mehr als wir in der Schweiz je dürften und wissen viel, viel weniger.

Heute diskutierten wir die prophylaktischen Antibiotikagaben bei der Geburt bei Mutter und Kind. Etwas, das hier routinemässig gemacht wird. Um erklären zu können, warum Hygiene die Gabe von Antibiotika ersetzt, fragte ich die Frauen, ob sie wissen, warum eine Frau nach der Geburt Blutungen hat. Keine hatte eine Ahnung, das Einzige, das sie wussten war, dass die Blutung stärker ist als bei einer Mens. Eine der Frauen wusste noch zu berichten, dass sie nach einem Kaiserschnitt unerwarteterweise auch Blutungen hatte. Als ich ihnen erzählte, dass die Blutung aus der Wunde kommt, die von der abgetrennten Plazenta (für nicht Medizinerinnen: Mutterkuchen, Nachgeburt) zurück bleibt und dass deshalb im Gegensatz zu einer Mens, wo eine Schleimhaut abgetragen wird, ein grosses Infektionsrisiko besteht, da haben sie grosse Augen gemacht und gestaunt. Warum die Frauen nach der Geburt keinen Geschlechtverkehr haben sollen (wenigstens das handhaben sie gleich wie bei uns), wird erklärt, dass die Milch durch den Geschlechtsverkehr schlecht wird und dadurch das Baby schwächlich. Mit einem Infektionsrisiko bringen die Frauen die Enthaltsamkeit nicht in Verbindung, die Geschichte mit der Milch glauben sie zwar nicht, aber eine andere Erklärung kennen sie nicht.

Auch die Babys bekommen nach der Geburt prophylaktisch Antibiotika. Einfach so, falls sie irgend eine Infektion haben könnten. Gleichzeitig leiden die Babys hier unter einer Krankheit, die rotes Füdli heisst (wird übrigens bevorzugt mit Pilzmitteln oder Antibiotika behandelt) und ein zweiter Vortrag von Frau Doktor Suzanne Lancer musste angehört werden. Darin ging es um die Besiedelung des Darms mit nützlichen Bakterien und um den grossen Rundumschlag der Antibiotikas und Frau Doktor Suzanne Lancer wagte die Hypothese aufzustellen, dass vielleicht ein Zusammenhang zwischen prophylaktischer Antibiotikagabe nach der Geburt und roten Füdlis bestehen könnte. Sie glaubten mir nicht recht. Die Frage ob sie selber nach der Einnahme von Antibiotika Durchfall bekommen, bejahten alle. Und, ein kleines Licht ging an.

Ich hoffe ganz fest, dass der eine oder andere Samen keimen wird. Aber eigentlich sollte man hier in der Ausbildung von Pflegefachkräften mitarbeiten. Denn dort wird ihnen eingetrichtert, dass alle eventuellen und konkreten Probleme mit Medikamenten gelöst werden können. Und dort wird ihnen wesentliches Grundwissen vorenthalten.

Etwa um 15:00 erwacht um das Centre ein reges Leben. Um 14:30 ist die Schule aus. Die Kinder kommen zum Wasser holen und zum Spielen. Die Erwachsenen folgen ihren Kindern zum Plaudern und die Schaukel wird rege benutzt.

Die Frauen sind dann schon gegangen und ich bin meist alleine im Centre. Auf einmal höre ich die Stimmen, zuerst kommen immer die Kinder. Sie wollen das Centre besichtigen (auch wenn sie es schon gestern und vorgestern gesehen haben) und dann wollen sie mit den Stofftieren und mit dem Fussball spielen. Heute hat sogar ein Junge mit seiner Mutter Frisby gespielt. Das ist der Moment in dem ich raus gehe um zu schauen, dass die Kinder keinen Mist bauen. Und das ist auch der Moment wo die Erwachsenen kommen. Sie wollen zwar nicht mit den Stofftieren spielen, auch der Fussball interessiert sie nicht, aber das Centre besichtigen, das wünschen sie sich alle, auch die Erwachsenen, egal ob sie schon zweimal da waren, man kann auch noch ein drittes, oder gar ein viertes Mal besichtigen und sich freuen.

Und auf der Schaukel, da sind dann alle wieder Kinder. Das Gekreische, gekicher, das herzhafte Lachen, die Freude, die Angst, generationenübergreifend… Die Frau auf dem blauen Plastikstuhl, hat diesen blauen Plastikstuhl auf ihrem Kopf mitgebracht. Es soll ja auch gemütlich sein, bei der Schaukel. Diese Momente haben trotz ihrer Öffentlichkeit eine tiefe Intimität an der ich teilhaben darf. Das ist sehr schön.

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